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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lu jo Brentano

getreten; unsere gesamte Wirtschaftsorganisation hateine ungeheuere Veränderung erfahren. Mit allen diesenÄnderungen sind große Einkommens -Verschiebungen,Verschiebungen im sozialen Einfluß und in der poli-tischen Bedeutung der verschiedenen Kreise und Klassenverbunden. Die bisher die Ersten waren, sehen sich inGefahr, diese Stellung zu verlieren, und neue strebenmit elementarer Gewalt in die Höhe. In diesem Kampfeum den Vorrang begnügen sich die Menschen nichtmit der Staatseinmischung, die sich darauf beschränkt,allen die Bedingungen eines gesitteten Daseins zu ge-währleisten ; sie verlangen, daß der Staat ihre Sonder-interessen zu den seinen mache, die einen, um sich inihrer überkommenen ersten Stellung künstlich zu er-halten, die anderen, um durch staatliches Eingreifendie ihnen vorschwebenden Zukunftsideale zu verwirk-lichen. Nirgends mehr als auf dem Gebiete des Wirt-schaftslebens bewahrheitet sich der Satz Lord Actons,daß der Machiavellismus einer der lebenden Kräfte derGegenwart ist. Wir leben in einer Zeit des Neo-Merkantilismus. Und nichts, was die Adaptionsfähig-keit des Machiavellismus charakteristischer zeigte, alsfolgender Zug. Wenn Voltaire aus Anlaß des Anti-machiavel an den Kronprinzen Friedrich schrieb x ):Ich glaube, der erste Hat, den Machiavelli einemSchüler gegeben hätte, wäre gewesen, eine Wider-legung seines Buches zu schreiben, so finden wir heuteMachiavellisten, die einen Ausflug ins Sittliche machen,um zugunsten mächtiger Sonderinteressen Forderungenzu vertreten, welche mit dem Satze Kants , daß keinMensch nur Mittel zum Zweck für Andere sein soll,in direktem Widerspruch stehen. Ja wir haben vonInteressenten zu hören bekommen, daß einzelne Er-

l ) Villari II 383. Acton XXXYI.