Die Kirche und die Entwicklung zur Freiheit 145
hat, so ist doch die Eroberung der Welt durch dasChristentum von den unteren Klassen zu den höherenfortgeschritten, nicht umgekehrt. Auch hat Leo XIII. in dem Briefe, den er am 5. Mai 1888 aus Anlaß derAufhebung der Sklaverei in Brasilien an die brasiliani-schen Bischöfe gerichtet hat, gesagt, man könne derkatholischen Kirche , welche kraft der übergroßen GnadeChristi des Erlösers die Sklaverei ausgerottet und diewahre Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verwirk-licht habe, für ihre Verdienste um die Wohlfahrt derVölker nie Loh und Dank genug spenden. (ActaLeonis XIII vol. VIII 185.)
Dagegen hat am 12. Juni 1910 der Bischof vonRegensburg , Dr. von Henle, dem bayrischen Eisen-bahnminister von Fraundorfer erwidert: „ Seine Exzellenzhaben hingewiesen auf die soziale Entwicklung desChristentums. Das Christentum hat sich mit dersozialen Frage Jahrhunderte lang nicht beschäftigt.Wenn Seine Exzellenz die Güte haben wollten, diePaulinischen Briefe nachzulesen, so würden Sie ausdenselben entnehmen, daß der Apostel Paulus beständigdahin gewirkt hat, sich in die gegebenen Verhältnissezu schicken. Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben,wenn er nicht freiwillig von seinem Herrn der Knecht-schaft enthoben wird. Das Christentum hat also mitder Sozialdemokratie in Beziehung auf seine Ent-wicklungsgeschichte und seine Stellung zur sozialen
professor Dr. Niederhuber „Die Frage nach dem Ursprungdes Christentums“ und in der Zeitschrift „Hochland“, Mai 1916,von Franz Meffert „Der proletarische Charakter des Ur-christentums“. Das ist mir der Anlaß zu erneuter Prüfung meinerAuffassung geworden. Angesichts der von mir angeführten Tat-sachen, die ich in dem obenstehenden Wiederabdruck vermehrthabe, vermögen aber die apologetischen Ausführungen Michaelsnach meiner Meinung nicht standzuhalten.
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