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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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173
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Zur Genealogie der Angriffe auf das Eigentum 173

der Kirche, und gegen die durch diese Entsagunghervorgerufene Lebensweise richteten sich heftige An-griffe der Heiden. Die Christen erschienen diesen alsAnarchisten, was Apologien hervorrief, in denen dieChristen gegen die ihnen gemachten Vorwürfe ver-teidigt wurden; darin wurde dann manches abge-schwächt, was man da, wo man zu Christen redete,diesen seihst predigte. Außerdem klang die LehreChristi den Reichen von Anfang an hart. Wie derJüngling im Evangelium gingen viele betrübt fort undverzweifelten an ihrem Seelenheil. Dies führte zurschärferen Ausbildung einer bereits von Christus(Matth . XIX, 6 ff.) gemachten Unterscheidung zwischenGebot und Rat: Die Entsagung galt nicht als ein füralle gültiges Gebot, wohl aber als Rat, der denen ge-geben wurde, die nach Vollkommenheit strebten, undClemens von Alexandrien bemühte sich in der SchriftWelcher Reiche wird das Heil finden?, den ent-mutigten Reichen zu zeigen, daß ihnen das Erbe desHimmels nicht völlig abgeschnitten sei.

Solange das Christentum sich in ganz über-wiegendem Maße aus den unteren Volksschichten re-krutierte, und dies war in den ersten Jahrhundertender Fall, stand die rigorose Auffassung über das Ver-hältnis von Heiligkeit zum Reichtum im Vordergrund.Sie widersprach der natürlichen Stellung der Menschenzu den irdischen Gütern.Difficile, durum et contranaturam nannte sie selbst der asketische Hieronymus.Mit diesem Widerspruch hängt zusammen, daß schonvor der Zeit Konstantins die weltlichen Gelüste auchunter den Christen die Oberhand gewannen, sobalddiese, wie in der Zeit von Commodus bis zu Decius,staatlicherseits geduldet wurden. Ganz besonders abermachte der Konflikt zwischen Lehre und Lehen siehin einer veränderten Haltung der Christen geltend,