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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
Entstehung
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273
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Über Begriff und Wandlungen der Wirtschaftseinheit 273

außen ist die Zunft beseelt von dem Streben nachWahrnehmung des größtmöglichen Vorteils. Ihr Zielsind möglichst große Privilegien, ferner ein Zwangs-reeht, das Monopol. Daher Verbote der Einfuhr derin anderen Städten gefertigten gewerblichen Produkte,Verbot der Ausfuhr von Rohstoffen, welche die heimischenHandwerker zum Betrieb ihrer Gewerbe benötigten,eine genaue Abgrenzung der einem jeden Gewerbe zu-stehenden Tätigkeit. Alle, die dasselbe Gewerbe be-treiben , müssen der Zunft beitreten; keiner darf esbetreiben, der ihr nicht angehört. Im Innern äußertsich der Charakter der Zunft als Wirtschaftseinheit,indem sie alle Genossen wie Mitglieder einer Familieumschließt und ihre Beziehungen zueinander dem-entsprechend regelt. Ihr Prinzip ist Ausschluß derKonkurrenz unter den Gildegenossen: durch Be-

schränkung der Arbeitszeit, durch Anordnung vonGewerbeferien, Verbote des Unterbietens oder Über-bietens, durch Anordnung, daß ein jeder Gildegenossean den Materialienkäufen des anderen teilzunehmenberechtigt sei. Sie beschränkt die Zahl der Gesellen,stellt den Gewerbegenossen häufig Rohstoffe und Arbeits-mittel, regelt den Ort, die Zeit des Absatzes, verbietetdie Reklame, bestimmt den Preis. Der Produktions-prozeß beruht auf Autorität und Herkommen; des-gleichen das Verhältnis zwischen Meister und Gesellen.Unfreiheit des Gewerbebetriebes in jeder Beziehung.Das Individuum ist unfrei in der Verwendung seinerArbeit und seines Vermögens, damit ein jeder, der zumHandwerk gehört, seine Nahrung verdiene.

Genau so in der Landwirtschaft. Wir haben hiereinen Wirtschaftsbetrieb, dessen Technik Jahrhundertelang fast unverändert geblieben ist. Wir haben alsWirtschaftseinheit die Grundherrschaft mit Hinter-sassen als untergeordnete Wirtschaftseinheiten. Nach

L. Brentano , Der wirtschaftende Mensch. Jg