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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

besuchen würden, wurden ihnen darin Sicherheit ihresHandels in allen Staaten des Sultans, außerordentlich

und an seinen Dank zu appellieren. Damit aber ist die Haupt-sache eingeräumt. Es hieße ja Törichtes von dem Sultan voraus-setzen, wollte man annehmen, daß er die in Aussicht gestelltenPrivilegien früher verliehen hätte, als die Gegenleistung vonvenezianischer Seite vorlag. Nun, nachdem die Venezianer ge-leistet hatten, schickten sie die Gesandtschaft, um ihre Verdienstein Erinnerung zu bringen und erhielten den versprochenen Lohn.Ebensowenig stichhaltig scheint mir die von Walter Norden (Der vierte Kreuzzug im Rahmen der Beziehungen des Abendlandszu Byzanz, Berlin 1898) aufgestellte Theorie. Danach soll dieAblenkung des Kreuzzugs nach Konstantinopel nur ein Ausflußdes Strebens erst der Normannen, danu Heinrichs VI. nach demgriechischen Kaiserthron gewesen sein. Kein Zweifel, daß dervierte Kreuzzug ideell damit zusammenhing; in concreto hatte eraber gar nicht bei den Beherrschern des Abendlands seinenAnfang genommen, sondern bei den großen französischen Kron-vasallen, welche sich, indem sie das Kreuz nahmen, den Folgender Verletzung ihrer Lehenspflichten entziehen wollten. Wenndiese von Anfang an von jenen Tendenzen gegen Konstantinopelgetragen gewesen wären, warum schlossen sie dann den Vertragmit Venedig, sie nach Ägypten überzuführen? Allen Schwierig-keiten, welche die Beantwortung dieser Fragen mit sich bringt,entrinnt man, wenn man sich an das hält, was Ernoul, Günthervon Pairis und Andere berichten; und mit diesem Berichte stehtdie zielbewußte Überlegenheit, mit welcher die Venezianer vomAnfang bis zum Schluß des vierten Kreuzzugs ihr Interesse ohneRücksicht auf Papst oder Andere verfolgt haben, in müheloserÜbereinstimmung. Daß aber Villehardouin in seiner Ge-schichte nichts von den Abmachungen der Venezianer mit demägyptischen Sultan erwähnt, ist nicht wie, Hanotaux (a. a. 0.p. 77) es haben will, ein Beweis, daß solche Abmachungen nichtstattgefunden haben. Denn mit Recht schreibt Molinier(a. a. 0. 40, Ziffer 2349) über seine Geschichte, daß die Meinungan die absolute Wahrhaftigkeit bei seiner Geschichtserzählung,die lange geherrscht habe, heute nicht länger aufrechterhaltenbleiben könne.Villehardouin hat nicht alles gesagt und einengroßen Teil der Geschehnisse im Dunkel gelassen. Er schrieb,wie es scheint, um sein Verhalten und das der obersten Führerzu rechtfertigen, und hat gewissermaßen die Wahrheit mehr ent-