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einen schwerwiegenden Dienst in gefahrvoller Zeit geleistet, als dieFrüchte unserer Siege durch ausländische Einmischung verkümmert zuwerden drohten.
Seit jenen Tagen hat das offizielle England das Dasein Neudeutsch-lands mehr oder minder willig anerkannt. Zwar schrieb Bismarck bereits1857: „England kann uns keine Chancen maritimer Entwicklung in Handeloder Flotte gönnen und ist neidisch auf unsere Industrie“. Aber dieseMissgunst fiel in den siebziger und achtziger Jahren politisch noch wenig insGewicht. Zu Bismarcks Zeiten waren Deutschland und England sichgegenseitig Faktoren zweiten Ranges. Deutschland war „befriedigt“ —eine europäische Großmacht auf vorwiegend agrarer Grundlage.
Diese für England sehr bequeme Auffassung wurde durch denenglischen Freihandel erleichtert, der das schon vorhandene Ausfuhr-bedürfnis der deutschen Industrie zu* sichern schien. Hiezu kam diehandelspolitische Meistbegünstigung auf dem Boden der britischen Kolonien,deren Deutschland sich damals vertragsmässig erfreute. Durch seinenFreihandel hat uns England mehr genützt, als es uns durch allepolitischen Widerstände zusammengenommen gehemmt hat. Wo wäredie deutsche Zuckerindustrie, diese frühe Führerin unseres Wirtschafts-aufstiegs, wo die deutsche Textil- und Eisenindustrie, wo der neudeutscheKapitalismus überhaupt ohne den reichen, allezeit aufnahmefähigen englischenMarkt? Auf dem Rücken des freihändlerischen England wagten wir es,nach der wirtschaftlichen Weltmacht zu greifen. Durch das Handels-markengesetz hat England das „made in Germany“ marktgängig gemacht.Wahrlich, wir haben den Briten nichts vorzuwerfen!
Die von England ausgehenden Widerstände zeigten sich vor allemin der Verkümmerung unserer kolonialen Anfänge. Zwar erlaubte unsGladstone, unsere Hand auf einige nicht wertlose Teile Afrikas zu legen.Aber jedenfalls hat England die kolonialen Bestrebungen Deutschlands zum mindesten nicht ebenso gefördert, wie die der Vereinigten Staaten, Japans und Frankreichs. Das besiegte Frankreich hat seit 1870 ungeheure