Druckschrift 
England und Deutschland, eine wirtschaftspolitische Studie : Festschrift zur Feier des Geburtstages... des Großherzogs Friedrich... / v. Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
22
Einzelbild herunterladen
 
  

22

die Kartelle der schweren Industrie grosskapitalistische Zusammen-ballungen, welche sich Englands individuellem Kapitalismus zuerst eben-bürtig zur Seite setzten, um sodann amerikanischen Dimensionen zuzu-wachsen. Seit jenen Tagen verschob sich Deutschlands volkswirtschaftlicherSchwerpunkt auf Industrie, Handel, Schiffahrt und Bankwesen. Seitdemstauen sich die früher auswandernden Bevölkerungsüberschüsse in Rhein-land, Westfalen und den norddeutschen Großstädten, in dem ganzenmittleren und westlichen Deutschland . Zu Beginn des zwanzigsten Jahr-hunderts ist die industrielle Durchtränkung des ganzen west-elbischen Deutschland die für unser nationales Dasein wichtigsteTatsache geworden.

Auch die Landwirtschaft hat an dieser Industrialisierung, nicht zuihrem Schaden, teilgenommen. Noch J. v. Liebig klagte, dass England alsDungstoff die Knochensubstanz des Kontinents ausführe.Grossbritannien raubt allen Ländern die Bedingungen ihrer Fruchtbarkeit, es hat dieSchlachtfelder von Leipzig, Waterloo und der Krim bereits nach Knochenumgewühlt, die in den Katakomben Siziliens angehäuften Gebeinevieler Generationen verbraucht und zerstört jährlich noch die Wiederkehreiner künftigen Generation von 3 1 /* Millionen Menschen; einem Vampyrgleich hängt es an dem Nacken Europas. Heute steht Deutschland inder Anwendung künstlicher Düngemittel allen Ländern der Welt voran.Bei einem Weltverbrauch an Chilisalpeter von 1400000 t im Jahre 1900kamen auf Deutschland allein 600000 t. Deutschland hat 1902 seinen Äckern135000 t reinen Kali zugeführt, die Kalisalze zu i2°/o reinem Kali gerechnet.Der Verbrauch an Thomasmehl, dem wichtigsten Phosphate, betrug 1899895000 t. Beide Dungstoffe sind recht eigentliche Erzeugnisse des deutschen Bergbaues und des deutschen Eisengewerbes und finden bislang im Auslandenur wenig Verwendung. Noch ehe Chilis Salpeterlager erschöpft sind,geht Deutschland daran, der Luft und der Wasserkraft unerschöpflicheSalpeterschätze zu entnehmen und damit die Stickstoffrage der land-wirtschaftlichen Statik durch die chemische Industrie zu lösen 14 .