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2 (1927)
Entstehung
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hängen. Je entschlossener sichösterreichzeigt, je energischer wir es stützen, umsoeher wird Rußland still bleiben. EinigesGepolter in Petersburg wird zwar nichtausbleiben, aber im Grunde ist Rußland jetzt nicht schlagfertig. Frankreich und Eng-land werden jetzt auch den Krieg nicht wünschen. Ineinigen Jahren wird Rußland nach aller kompetentenAnnahme schlagfertig sein. Dann erdrückt es uns durchdie Zahl seiner Soldaten, dann hat es seine Ostsee-flotte und seine strategischen Bahnen gebaut. UnsereGruppe wird inzwischen immer schwächer. In Ruß-land weiß man es wohl, und will deshalb für einigeJahre absolut noch Ruhe. Ich glaube gern IhremVetter Benckendorff, daß Rußland jetzt keinen Kriegmit uns will. Dasselbe versichert auch Sasonow, aberdie Regierung in Rußland, die heute noch fried-liebend und halbwegs deutschfreundlich ist, wirdimmer schwächer, die Stimmung des Slawentumsimmer deutschfeindlicher. Wie Rußland uns im Grundebehandelt, zeigt der vorige Herbst. Während derBalkankrise konnte es uns nicht genug danken fürunsere beruhigende Einwirkung. Kaum war die akuteKrise vorbei, begannen die Unfreundlichkeitenwegen Liman usw. Läßt sich die Lokalisie-rung nicht erreichen und greift RußlandÖsterreich an, so tritt der casus foederisein, so können wir Österreich nichtopfern. Wir ständen dann in einer nicht geradeproud zu nennenden Isolation. Ich will keinen Prä-ventivkrieg, aber wenn der Kampf sich bietet,dürfen wir nicht kneifen.

Ich hoffe und glaube auch heute noch, daß derKonflikt sich lokalisieren läßt. Englands Haltung wirddabei von großer Bedeutung sein. Ich bin vollständig

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