Druckschrift 
2 (1927)
Entstehung
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AN DAS AUSWÄRTIGE AMT

London , 1. 8, 1914

ir E. Grey liest mir soeben die nachstehende Er-

Oklärung vor, die vom Kabinett einstimmig gefaßtworden war: Die Antwort der deutschen Regierungbezüglich der Neutralität Belgiens ist ungemein be-dauerlich, weil die Neutralität Belgiens von Einflußauf die Stimmung in England ist. Wenn Deutschland eine Möglichkeit sehen könnte, dieselbe bestimmteAntwort zu geben, wie Frankreich sie gegeben hat, sowürde das wesentlich dazu beitragen, die Besorgnisund Spannung hier zu beheben, während es anderer-seits außerordentlich schwierig sein würde, die öffent-liche Stimmung in England zu beschwichtigen, wenneine Verletzung der Neutralität Belgiens durch einender Kriegführenden stattfände, während der anderesie beachtet.

Auf meine Frage, ob er unter der Bedingung, daßwir die belgische Neutralität wahrten, mir einebestimmte Erklärung über die Neutralität Groß-britanniens abgeben könne, erwiderte der Minister,das sei ihm nicht möglich, doch würde diese Frageeine große Rolle bei der hiesigen öffentlichen Mei-nung spielen. Verletzten wir die belgische Neutralitätin einem Kriege mit Frankreich , so würde sicherlichein Umschwung in der Stimmung eintreten, die es derhiesigen Regierung erschweren würde, eine freund-liche Neutralität einzunehmen. Vorläufig beständenicht die geringste Absicht, gegen uns feindlich vor-zugehen. Man würde dies, wenn irgend möglich zuvermeiden wünschen. Es ließe sich aber schwerlicheine Linie ziehen, bis wohin wir gehen dürften, ohnedaß man diesseits einschreite. Er kam immer wiederauf die belgische Neutralität zurück und meinte, dieseFrage würde jedenfalls eine große Rolle spielen. Erhabe sich auch schon gedacht, ob es denn nicht mög-

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