Trittes ^Zuch. 161
Dir, Montan, will ich ißt beweisen, wie unrecht man mirthnt. Gib mir jährlich ein Schaf, so soll deine Hccrdc in je-nem Walde, den niemand unsicher macht, als ich, frey undunbeschädigt weiden dürfen. Ein Schaf! Welche Kleinigkeit!Könnte ich großmüthiger, könnte ich uneigennütziger handeln?— Du lachst, Schäfer? Worüber lachst du denn?
O über nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund? sprachder Schäfer.
„Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug,„dir deine liebsten Lämmer zu würgen."
Erzürne dich nicht, alter Isegrim. Es thut mir Leid, daßdu mit deinem Vorschlage einige Jahre zu spät kömmst. Deineausgcblsscncn Zähne verrathen dich. Du spielst den Uneigen-nützigen, bloß um dich desto gemächlicher, mit desto wenigerGefahr nähren zu können.
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Der Wolf ward ärgerlich, faßte sich aber doch, und gingauch zu dem vierten Schäfer. Diesem war eben sein treuerHund gestorben, und der Wolf machte sich den Umstand zu Nutze.
Schäfer, sprach er, ich habe mich mit meinen Brüdern indem Walde veruneiniget, und so, daß ich mich in Ewigkeitnicht wieder mit ihnen aussöhnen werde. Du weißt, wie vieldu von ihnen zu fürchten hast! Wenn du mich aber anstattdeines verstorbenen Hundes in Dienste nehmen willst, so steheich dir dafür, daß sie keines deiner Schafe auch nur scheelansehen sollen.
Du willst sie also, versetzte der Schäfer, gegen deine Brü-der im Walde beschützen? —
„Was meine ich denn sonst? Freylich."
Das wäre nicht übel! Aber, wenn ich dich nun in meineHorden einnähme, sage mir doch, wer sollte alsdcnn meine ar-men Schafe gegen dich beschützen? Einen Dieb ins Hausnehmen, um vor den Dieben außer dem Hause sicher zu scvn,das halten wir Menschen--
Ich höre schon: sagte der Wolf; du fängst an zu moralisi-rcn. Lebe wohl!
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