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Fabeln.
bald müde, in den einsamen Büschen zu wohnen, und da vonniemand, als dem fleißigen Landmannc und der unschuldigenSchäferinn gehöret und bewundert zu werden. Sie verließ ihredcmüthigcrc Freundin, und zog in die Stadt. — Was geschah?Weil man in der Stadt nicht Zeit hatte, ihr göttliches Liedzu hören, so verlernte sie es nach und nach, und lernte dafür— bauen.
25. Der Adler.
Man fragte den Adler: warum erziehest du deine Jungenso hoch in der Lust?
Der Adler antwortete: Würden sie sich, erwachsen, sonahe zur Sonne wagen, wenn ich sie tief an der Erde erzöge?
26. Der junge und der alte Hirsch.
Ein Hirsch, den die gütige Natur Jahrhunderte leben lassen,sagte einst zu einem seiner Enkel: Ich kann mich der Zeitnoch sehr wohl erinnern, da der Mensch das donnernde Feuer-rohr noch nicht erfunden hatte.
Welche glückliche Zeit muß das für unser Geschlecht gewesenseyn! scufzctc der Enkel.
Du schließest zu geschwind! sagte der alte Hirsch. Die Zeitwar anders, aber nicht besser. Der Mensch hatte da, anstattdes Feuerrohres, Pfeile und Bogen; und wir waren eben soschlimm daran, als ißt.
27. Der Pfau und der Hahn.
Einst sprach der Pfau zu der Henne: Sich einmal, wiehochmüthig und trotzig dein Hahn einher tritt! Und doch sagendie Menschen nicht: der stolze Hahn; sondern nur immer: derstolze Pfau.
Das macht, sagte die Henne, weil der Mensch einen ge-gründeten Stolz überstehet. Der Hahn ist auf seine Wachsam-keit, auf seine Mannhcit stolz; aber worauf du? — Auf Far-ben und Federn.