drittes Buch,
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28. Der Hirsch.
Dic Natur hatte einen Hirsch von mehr als gewöhnlicherGröße gebildet, und an dem Halse hingen ihm lange Haareherab. Da dachte der Hirsch bey sich selbst: Du könntest dichja wohl für ein Elend ansehen lassen. Und was that der Ei-tcle, ein Elend zu scheinen? Er hing den Kopf traurig zurErde, und stellte sich, sehr oft das böse Wesen zu haben.
So glaubt nicht selten ein witziger Geck, daß man ihnfür keinen schönen Geist halten werde, wenn er nicht überKopfweh und Hypochonder klage.
29. Der Adler und der Fuchs.
Sey auf deinen Flug nicht so stolz! sagte der Fuchs zu demAdler. Du steigst doch nur deswegen so hoch in die Luft, umdich desto weiter nach einem Asc umsehen zu können.
So kenne ich Männer, die tiefsinnige Wcltwcisc gewordensind, nicht aus Liebe zur Wahrheit, sondern aus Begierde zueinem einträglichen Lchramtc.
30. Der Schäfer und die Nachtigall.
Du zürnest, Liebling der Musen, über die laute Mengedes parnassischcn Geschmeißes? — O höre von mir, was einstdic Nachtigall hören mußte.
Singe doch, liebe Nachtigall! rief ein Schäfer der schwei-genden Sängerin, an einem lieblichen FrühlingSabcndc, zu.
Ach! sagte die Nachtigall; die Frösche machen sich so laut,daß ich alle Lust zum Singen verliere. Hörest du sie nicht?
Ich höre sie frcvlich: versetzte der Schäfer. Aber nur deinSchweigen ist Schuld, daß ich sie höre.