Fragmente. 469
Dieß ist es, was ihn quält. Er will, daß man ihn merke.Zum Folgen allzu stolz, fehlt ihm der Führer Stärke.Drum springt er plötzlich ab, sucht kühn, doch ohn Verstand,Ein neues Wahrhcitsrcich, ein nncntdccktes Land. .Ihm folgt ein leichter Schwärm noch zehnmahl klcinrer Geister.Wie glücklich ist er nun; die Rotte nennt ihn Meister.Er wagt sich in die Welt mit Witz und frecher Stirn.Und waS lehrt uns denn nun sein göttliches Gehirn?Dank sey dem großen Geist, der Furcht und Wahn vertrieben!Er sprichts, und Gott ist nicht zu fürchten, nicht zu lieben.„Die Freyheit ist ein Traum: die Seele wird ein Ton,„Und meint man nicht das Hirn, versteht man nichts davon.„Dem Gut und Wösen setzt ein blöder Weise Schranken,„Und ihr beglaubtes Nichts wohnt nun in den Gedanken.„Eartnsch und er, der nie sein Leid und Meid vergaß,„Cartusch und Epictct verdient nicht Ruhm, nicht Haß.„Der stahl, weils ihm gefiel, und weil er stehlen mußte;„Der lebte tugendhaft, weil er nichts bcsscrs wußte;„Der ward wie der regiert, und seiner Thaten Herr„War, wie ein Uhrwerk nie, anch nie ein Sterblicher.„Wer thut was ihm gefällt, thut das was er thun sollte;„Nur unser Stolz erfand das leere Wort: ich wollte.„Und eben die, die uns stark oder schwach erschaft,„Sie, die Natur, schaft uns anch gut und lasterhaft." —Wer glaubte, daß ein Geist, um kühn und neu zu denken,Sich selber schänden kann, und seine Würde kränken?
Der Menge Beyfall ist zwar nie der Wahrheit Grund,Und oft liegt ihre Lehr in eines Weisen Mund,Der, alles selbst zu sehn, in sich zurückgegangen,Des Zweifels Gegengift durch Zweifeln zn erlangen.Doch macht den größer» Theil auch das zum Lügner nicht,Weil der und jener Narr von Ecgcngründcn spricht.Er, der die Wahrheit sucht, darf nicht die Stimmen zählen;Doch wenn die Menge fehlt, so kann auch einer fehlen.Ich glaub, es ist ein Gott, und glaub es mit der Welt,Weil ich es glauben muß, nicht weil es ihr gefällt.