Fragmente.
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Und spitzgem Tadel hold in unsre Lust sich mischt.
Gebietrisch schreibt sie vor, was unsern Sinnen tauge,
Macht sich zum Ohr des Ohrs, und wird des Auges Auge.
Dort steigt sie allzuhoch, hier allzutief herab,
Der Sphär nie treu, die Gott ihr zu erleuchten gab.
Die ist des Menschen Herz, wo sich bey Irrthums Schatten,
Nach innerlichem Krieg, mit Lastern Laster galten,
Wo neues Ungeheur ein jeder Tag erlebt,
lind nach dem leeren Thron ein Schwärm Rebellen strebt.
Hier laß, Vernunft, dein Licht, uns unsern Feind erblicken,
Hier herrsche sonder Ziel, hier herrsch uns zu beglücken.
Hier findet Tadel, Rath, Gesetz und Strafe statt.
Doch so ein kleines Reich macht deinen Stolz nicht satt.
Du fliehst auf Abcntheur ins Elend zu den Sternen,
Und baust ein stolzes Reich in unermcßnen Fernen,
Spähst der Planeten Lauf, Zeit, Groß und Ordnung aus,
Regierst die ganze Welt, nur nicht dein eignes Haus.
Und steigst du dann und wann, voll Schwindel, aus den Höhen,
Zufrieden mit dir selbst, wie hoch du stiegst, zu sehen,
So körnst du, statt ins Herz, in einen Criticus,
Der, was die Sinne reizt, methodisch mustern muß,
Und treibst durch Regeln, Grund, Kunstwörter, Lehrgebäude,
Aus Lust die Quintessenz, rcctificirst die Freude,
Und schasst, wo dein Geschwätz am schärfsten überführt,
Daß viel nur halb ergötzt, und vieles gar nicht rührt;
Das Fühlen wird verlernt, und nach erkiesten Gründen
Lernt auch ein Schüler schon des Meisters Fehler finden,
Und hält was Körner hat für ausgcdroschncS Stroh;
Denn Ekel macht nicht satt, und Eigensinn nicht froh.
Ist der Vergnügen Reich nicht klein genug umschränkct,
Daß unser ekler Witz auf cngrc Märchen denket?
Treibt denn der Baum der Lust Holz so im Uebcrflnß,
Daß man gewaltsam ihm die Aeste rauben muß?
Ist unsre Freud ein Feur, das sich zu reichlich nähret,
Das uns, schwächt man es nicht, anstatt erwärmt, verzehret?
Ist das, was uns gefällt, denn lauter starker Wein,
Den man erst wässern muß, wen» er soll heilsam seyn?
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