188 Fragmente.
Hier schweigt die Weisheit selbst, den Finger auf den Mund,Und nur ihr Schüler macht mehr, als sie lehrt, uns' kund.Die Einfalt hört ihm zu, mit starrverwandtcn Klicken,Mit gierig ofnem Mund, und BcyfallSrcichcn Ricken.Sie glaubt, sie höre Gott; denn sie versteht ihm nichts,Und was sie halb gemerkt, stutzt ste auf ein: er sprichts.Auch ich, von ihr verführt, vom Hochmuth aufgeblasen,Hielt für die Wahrheit selbst ein philosophisch Rasen;Worinn der irre Kopf verwegne Wunder denkt,Ein Königreich sich träumt, und seinen Traum verschenkt;Die Schiff im Hafen zahlt, und alle seine heißet,Bis ihn ein böser Arzt der Schwärmerey entreißet.Er wird gesund und arm; erst war er krank und reich;
Elend zuvor und nun--Wer ist, als ich, ihm gleich?
Wer kömmt und lehret mich, was ich zu wissen glaubte,Eh der einsame Tag Gott , Welt und mich mir raubte?
Durchforschet, Sterbliche, des Lebens kurzen Raum!Was kommen soll ist Nacht. Was hin ist, ist ein Traum.Der gcgcnwärtgc Punct ist allzukurz zur Freude,Und doch, so kurz er ist, nur allzulang zum Leide.
Schick, wer es mit mir wagt, den wohlbcwehrtcn Blick,Zum nncmpfiudlichstcn, zum ersten Tag zurück.Dort lag ich, blöder Wurm! Vom mütterlichen HerzeEntbundne theure Last, erzeugt im Schmerz zum Schmerze!Wie war mir, als ich frey, in nie cmpfnnoner Luft,Mit ungeübtem Ton, mein Schicksal ausgeruft?Wo war mein junger Geist? fühlt er die Sonnenstrahlen,Das erste Bild im Aug mit stillem Kitzel mahlen?Mein ungelchrtes Schrcyn, hat mich es auch erschreckt,Als es zuerst durchs Ohr den krummen Weg entdeckt ?Die mütterliche Hand, die mich mit Zittern drückte,Ihr Auge, das mit Lust, doch thränend, nach mir blickte.Des Vaters fromme Stimm, die Segen auf mich bat,Der, als ich nichts verstand, schon lehrend zu mir trat,Der sein Bild in mir sah, mit ernsten LicbcszeichcnMich dann der Mutter wieß, ihn mit mir zu vergleichen:Ward dies vou mir erkannt, und was dacht ich dabey?Fühlt ich, mir unbewußt, für sie schon Lieb und Scheu?