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Der junge Gelehrte.
ihm zu viel schuldig; cr hat durch scinc Wohlthaten das größteRecht über mich erhalten. Es koste mir was cs wolle; ichmuß die Hcyrath eingehen, weil cs Ehrvsandcr verlangt. Odersoll ich etwa die Dankbarkeit der Liebe aufopfern? Sie sindselbst tugendhaft, Nalcr, und Zhr Umgang hat mich edler den-ken gelehrt. Mich Ihrer werth zu zeigen, muß ich meine Pflicht,auch mit dem Verluste meines Glückes, erfüllen.
L.isette. Eine wunderbare Moral! wahrhaftig!
Valcr- Aber wo bleiben Versprechung, Schwur, Treue?Ist cs erlaubt, um eine eingebildete Pflicht zu erfülle», einerandern, dic uns wirklich verbindet, cntgcgcn zu handeln?
Juliane. Ach Nalcr, Sie wisscn cs bcsscr, was zu solchenVersprechungen gehört. Mißbrauchen Sie meine Schwäche nicht.Dic Einwilligung meines Vaters war nicht dabey.
Valer. Was für eines Vaters^ — —
Juliane. Desjenigen, dem ich für scinc Wohlthaten dicscBenennung schuldig bin. Oder halten Sie cs für kcinc Wohl-thaten, der Armuth und allen ihrcn unscligcn Folgcn entrissenzu werden? Ach Nalcr, ich würde Zhr Hcrz nicht besitzen, hättenicht Chrysandcrs Sorgfalt mich zur Tugend und Anständig-keit bilden lafscn.
valer. Wohlthaten hörcn auf Wohlthaten zu seyn, wennman sucht, sich für sie bezahlt zu machen. Und was thut Ehry-sandcr anders, da cr Sic, allzugcwisscnhastc Juliane, nur dcs-wcgcn mit scincm Sohnc verbinden will, weil cr ein Mittclsieht, Ihnen wieder zu dem größten Theile Zhrcs väterlichenVermögens zu verhelfen?
Juliane. Füssen Sic doch auf cinc so wunderbare Nach-richt nicht. Wer weiß, was Liscttc gehört hat?
S.iselte. Nichts, als was sich vollkommcn mit scincr übri-gen Aufführung reimt. Ein Mann, der scinc Wohlthaten schonausposaunet, der sie eincm jcdcn auf dcn Fingcrn vorzurechnenweiß, sucht etwas mehr, als das blosse Gotteslohn. Und wäreeS etwa die erste Thräne, die Ihnen aus Verdruß, von eincmso eigennützig freygebigen Manne abzuhängen, entfahren ist?
Valer. Lisette hat Rechts — — Aber ich empfinde csleider; Juliane liebt mich nicht mehr.