Der Freygeist.
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Herr ein Atheist? das glaube sonst einer! Er sieht ja ans, wieich und du. Er hat Hände und Füße; er hat das Maul inder Breite und die Nase in der Länge, wie ein Mensch; erredt, wie ein Mensch; er ißt, wie ein Mensch: — — nndsoll ein Atheist seyn?
Johann. Nun? sind denn die Atheisten keine Menschen?
Martin. Menschen? Ha! ha! ha! Nun höre ich, daßdu selber nicht weißt, was ein Atheist ist.
Johann. Zum Henker! dn wirst es wohl besser wissen.Ey! belehre doch deinen unwissenden Nächsten.
Martin. Höre zu! — Ein Atheist ist — eine Brüt derHölle, die sich, wie der Teufel, tausendmal verstellen kann. Baldists ein listiger Fnchs, bald ein wilder Bär; — — bald ists
ein Esel, bald ein Philosoph;--bald ists ein Hund, bald
ein unverschämter Poctc. Kurz, es ist ein Unthicr, das schonlebendig bey dem Satan in der Hölle brennt, — — eine Pest
der Erde,--eine abscheuliche Kreatur,--ein Vieh, das
dummer ist, als ein Vieh; — — ein Scclcnkannibal, — —cin Antichrist, — — ein schreckliches Ungeheuer — —
Johann. Es hat Bockssüßc: nicht? Zwey Hörner? einenSchwanz?--
Martin. Das kann wohl seyn.--Es ist cin Wcch-
sclbalg, den die Hölle durch--durch einen unzüchtigen Bey-schlaf mit der Weisheit dieser Welt erzeugt hat;--es ist
--ja, sich, das ist cin Atheist. So hat ihn unser Pfarr
abgemalt; der kennt ihn aus großen Büchern.
Johann. Einfältiger Schöps!--Sich mich doch ein-mal an.
Martin. Nu?
Johann. Was siehst du an mir?Martin. Nichts, als was ich zehnmal besser an mir se-hen kann.
Johann- Findest du denn etwas Erschreckliches, etwas Ab-scheuliches an mir? Bin ich nicht cin Mensch, wie du? Hastdu jemals gcschcn, daß ich cin Fuchs, cin Escl, oder cin Kan-nibal gewesen wäre?