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1 (1838)
Entstehung
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Der Freygeist.

Theophan. Aber ohne mich zu unterbrechen: das bitte

ich.--

Adrast. Reden Sie nur.

Theophan. Ich will Ihnen den Schlüssel zu dem, wasSie hören sollen, gleich voraus geben. Meine Neigung hatmich nicht weniger betrogen, als Sie die Ihrige. Ich kenneund bewundere alle die Vollkommenheiten, die Julianen zu ei-ner Zierde ihres Geschlechts machen; aber ich liebe sie nicht.

Adrast. Sie--

Theophan Es ist gleich viel, ob Sie es glauben oder

nicht glauben.--Ich habe mir Mühe genug gegeben, meine

Hochachtung in Liebe zu verwandeln. Aber eben bey dieser Be-mühung habe ich Gelegenheit gehabt, es oft sehr deutlich zumerken, daß sich Juliane einen ähnlichen Zwang anthut. Siewollte mich lieben, und liebte mich nicht. Das Herz nimmtkeine Gründe an, und will in diesem, wie in andern Stücken,seine Unabhängigkeit von dem Verstände behaupten. Man kannes tyrannisircn, aber nicht zwingen. Und was hilft es, sichselbst zum Märtyrer seiner Ucberlcgungcn zu machen, wenn mangewiß weiß, daß man keine Beruhigung dabey finden kann?Ich erbarmte mich also Zuliancns, oder vielmehr, icherbarmte mich meiner selbst: ich unterdrückte meine wachsendeNeigung gegen eine andre Person nicht länger, und sahe esmit Vergnügen, daß auch Juliane zu ohnmächtig oder zu nach-sehend war, der ihrigen zn widerstehen. Diese gicng auf einenMann, der ihrer eben so unwürdig ist, als unwürdig er ist,einen Freund zu haben. Adrast würde sein Glück in ihrenAugen längst gewahr geworden seyn, wenn Adrast gelassen ge-nug wäre, richtige Blicke zu thun. Er betrachtet alles durchdas gefärbte Glas seiner vorgefaßten Meynungen, und allesoben hin; und würde wobl oft lieber seine Sinne verleugnen,als seinen Wahn aufgeben. Weil Juliane ihn liebenswürdigfand, konnte ich mir unmöglich einbilden, daß er so gar ver-derbt sey. Ich sann auf Mittel, es beiden mit der besten Artbeyzubringen, daß sie mich nicht als eine gefährliche Hinderungansehen sollten. Ich kam nur jetzt in dieser Absicht hichcr;allein ließ mich Adrast, ohne die schimpflichsten Abschreckungen,