Druckschrift 
1 (1838)
Entstehung
Seite
529
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Minna von Barnhclm.

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Zhro Gnaden die erste Nacht unter meinem schlechten Dachegeruhet?

Franciska. Das Dach ist so schlecht nicht, Herr Wirth;aber die Betten hätten können besser seyn.

Der Wirth. Was höre ich? Nicht wohl geruht? Viel-leicht, daß die gar zu große Ermüdung von der Reise

Das Fräulein. Es kann seyn.

Der Wirth. Gewiß, gewiß.' denn sonst - Indeß,sollte etwas nicht vollkommen nach Jhro Gnaden Bequemlichkeitgewesen seyn, so geruhen Zhro Gnaden nur zu befehlen.

Franciska. Gut, Herr Wirth, gut! Wir sind auch nichtblöde; und am wenigsten muß man im Gasthofe blöde seyn.Wir wollen schon sagen, wie wir es gern hätten.

Der Wirth. Hicrnächst komme ich zugleich (indem er dieFeder hinter dem Ohre hervorzieht)

Franciska. Nun?

Der Wirth. Ohne Zweifel kennen Zhro Gnaden schon dieweisen Verordnungen unsrer Policcy.

Das Fraulein. Nicht im geringsten, Herr Wirth.

Der Wirth. Wir Wirthe sind angewiesen, keinen Frem-den, wcs Standes und Geschlechts er auch sey, vier und zwan-zig Stunden zu behausen, ohne seinen Namen, Hcymath, Eha-raktcr, hiesige Geschäfte, vermuthliche Datier deß Aufenthalts,und so weiter, gehörigen Orts schriftlich einzureichen.

Das Fraulein. Sehr wohl.

Der Wirth. Zhro Gnaden werden also sich gefallen las-sen (indem er an eine» Tisch tritt, und sich fertig macht, zu schreibe»)

Das Fräulein- Sehr gern. Zch heiße

Der Wirth. Einen kleinen Augenblick Geduld! (er schreibt)Dato, den 22. August") a. c. allhicr zum Könige von Spa-nicn angelangt" Nun Dero Namen, gnädiges Fräulein?

Das Fräulein. Das Fräulein von Barnhclm.

Der Wirth, (schreibt)von Barnhclm" Kommend? wo-her, gnädiges Fräulein?

') Lcssing hat erst geschriebenSeptember", dies aber nachber ausgc-sirichcn.

Lcsfings Werke I. 34