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Miß Sara Sampson.
denn? — (liefet vor sich) Er bittet mich, seine übereilte Strengezu vergessen, und ihn mit meiner Entfernung nicht länger zustrafen. Ucbcrcilte Strenge! — Zu strafen! — (liefet wieder undunterbricht sich) Noch mehr! Nun dankt er mir gar, und danktmir, daß ich ihm Gelegenheit gegeben, den ganzen Umfang derväterlichen Liebe kennen zu lernen. Unselige Gelegenheit! Wenner doch nur auch sagte, daß sie ihm zugleich den ganzen Um-fang des kindlichen Ungehorsams habe kennen lernen! (sie liefetwieder) Nein, er sagt es nicht! Er gedenkt meines Verbrechensnicht mit einem Buchstaben. (Sie fährt weiter fort vor sich zu lesen.)Er will kommen, und seine Kinder selbst zurückholen. SeineKinder, Waitwcll! Das geht über alles! — Hab' ich auchrecht gelesen? (Sie liefet wieder vor sich.) — Ich mochte vergehen!Er sagt, derjenige verdiene nur allzu wohl sein Sohn zu seyn,ohne welchen er keine Tochter haben könne. — O! hätte er sienie gehabt, diese unglückliche Tochter! — Geh, Waitwcll, laßmich allein! Er verlangt eine Antwort, und ich will sie sogleichmachen. Frag' in einer Stunde wieder nach. Zch danke dirunterdessen für deine Mühe. Du bist ein rechtschaffner Mann.Es sind wenig Diener die Freunde ihrer Herren!
VVaitrvell. Beschämen Sie mich nicht, Miß. Wenn alleHerren Sir Williams wären, so müßten die Diener Unmen-schen seyn, wenn sie nicht ihr Leben für sie lassen wollten.
(geht ab.)
Vierter Auftritt.Sara.
(Sie setzet sich zum schreiben nieder.) Wenn man mir es vorZahr und Tag gesagt hätte, daß ich auf einen solchen Briefwürde antworten müssen! Und unter solchen Umständen! — Za,die Feder hab' ich in der Hand. — Weiß ich aber auch schon,was ich schreiben soll? Was ich denke; was ich empfinde. —Und was denkt man denn, wenn sich in einem Augenblicke tau-send Gedanken durchkreuzen? Und was empfindet man denn,wenn das Herz, vor lauter Empfinden, in einer ticsen Betäu-bung liegt? — Zch muß doch schreiben — Zch führe ja dieFeder nicht das erste Mal. Nachdem sie mir schon so manche