Druckschrift 
2 (1838)
Entstehung
Seite
53
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Miß Sara Sampson.

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Mörderinn! Und wer weiß, ob ich es nicht schon bin? DieJahre, die Tage, die Augenblicke, die er geschwinder zu seinemZiele kömmt, als er ohne die Betrübniß, die ich ihm verur-sacht, gekommen wäre diese hab' ich ihm, ich habe sieihm geraubt. Wenn ihn sein Schicksal auch noch so alt undLcbcnssatt sterben läßt, so wird mein Gewissen doch nichts ge-gen den Norwnrf sichern können, daß er ohne mich vielleichtnoch spater gestorben wäre. Trauriger Norwurf, den ich mirohne Zweifel nicht machen dürfte, wenn eine zärtliche Mutterdie Führcrinn meiner Jugend gewesen wäre! Ihre Lehren, ihrExempel würden mein Herz So zärtlich blicken sie mich an,Mellcfont? Sie haben Recht; eine Mutter würde mich vielleichtmit lauter Liebe tyrannisirt haben, und ich würde Mcllcfontsnicht seyn. Warum wünsche ich mir denn also das, was mirdas weisere Schicksal nur aus Güte versagte? Seine Fügungensind immer die besten. Lassen Sie uns nur das recht brauchen,was es uns schenkt: einen Bater, der mich noch nie nach ei-ner Mutter seufzen lassen; einen Vater, der auch Sie ungcnos-scnc Acltcrn will vergessen lehren. Welche schmeichelhafte Vor-stellung! Ich verliebe mich selbst darein, und vergesse es fast,daß in dem Innersten sich noch etwas regt, das ihm keinenGlauben bcymcsscn will. Was ist es, dieses rebellische Etwas?

Mellefont. Dieses Etwas, liebste Sara, wie Sie schonselbst gesagt haben, ist die natürliche furchtsame Schwierigkeit,sich in ein großes Glück zu finden. Ach, ihr Herz machteweniger Bedenken, sich unglücklich zu glauben, als es jetzt, zuseiner eignen Pein, macht, sich für glücklich zu halten! Aberwie dem, der in einer schnellen Kreisbewegung drehend gewor-den, auch da noch, wenn er schon wieder still sitzt, die äußernGegenstände mit ihm herum zu gehen scheinen: so wird auchdas Herz, das zu heftig erschüttert worden, nicht auf einmalwieder ruhig. Es bleibt eine zitternde Bcbung oft noch langezurück, die wir ihrer eignen Abschwächung überlassen müssen.

Sara. Zch glaube es, Mcllcfont, ich glaube es: weil Siees sagen; weil ich es wünsche. Aber lassen Sie uns einerden andern nicht länger aufhalten. Zch will gehen, und mci-