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Emilia Galotti.
Marinelll (vor sich) O wch! wie wahr ist es, was ichfürchtete.
Grsina. Was murmeln Sie da?
N?arinelll, Lauter Bewunderung! — Und wem ist cSnicht bekannt, gnädige Gräfinn, daß Sie eine Philosophinn sind?
Orfina, Nicht wahr? — Za, ja; ich bin eine. — Aberhabe ich mir es itzt merken lassen, daß ich eine bin? — O pfuy,wenn ich mir es habe merken lassen; und wenn ich mir es öf-trer habe merken lassen! Ist es wohl noch Wunder, daß michder Prinz verachtet? Wie kann ein Mann ein Ding lieben,das, ihm zum Trotze, auch denken will? Ein Frauenzimmer,das denket, ist eben so cckcl als ein Mann, der sich schminket.Lachen soll es, nichts als lachen, um immerdar den gestrengenHerrn der Schöpfung bey guter Laune zu erhalten. — Nun,worüber lach' ich denn gleich, Marinclli? — Ach, ja wohl!Über den Zufall! daß ich dem Prinzen schreibe, er soll nach Do-salo kommen; daß der Prinz meinen Brief nicht liefet, unddaß er doch nach Dosalo kömmt. Ha! ha! ha! Wahrlich einsonderbarer Zufall! Sehr lustig, sehr närrisch! — Und Sie la-chen nicht mit, Marinclli? — Mitlachen kann ja wohl der ge-strenge Herr der Schöpfung, ob wir arme Geschöpfe gleich nichtmitdenken dürfen. — (ernsthaft und befehlend) So lachen Sie doch!
XNannelli. Gleich, gnädige Gräfinn, gleich!
Grsina. Stock! Und darüber geht der Augenblick vorbey.Nein, nein, lachen Sie nur nicht. — Denn sehen Sie, Ma-rinclli, (nachdenkend bis zur Rührung) was mich so herzlich zu la-chen macht, das hat auch scinc ernsthafte — sehr ernsthafte Seite.Wie alles in der Welt! — Zufall? Ein Zufall wär' es, daßder Prinz nicht daran gedacht, mich hier zu sprechen, und michdoch hier sprechen muß? Ein Zufall? — Glauben Sie mir,Marinclli: das Wort Zufall ist Gotteslästerung. Nichts unterder Sonne ist Zufall; — am wenigsten das, wovon die Ab-sicht so klar in die Augen leuchtet. — Allmächtige, allgütigcVorsicht, vcrgicb mir, daß ich mit diesem albernen Sünder einenZufall gcncnnct habc, was so offenbar dein Werk, wohl gardein unmittelbares Werk ist! — (hastig gegen Marinclli) KommenSie mir, und verleiten Sie mich noch einmal zu so einem Frevel!