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Nathan der Weise.
Rccha.Das hör' ich gern.Nathan.
Wie? weilEs ganz natürlich, ganz alltäglich klänge,Wenn dich ein eigentlicher TempelherrGerettet hätte: sollt' es darum wenigerEin Wunder seyn? — Der Wunder höchstes ist,Daß uns die wahren, echten Wunder soAlltäglich werden können, werden sollen.Ohn' dieses allgemeine Wunder, hätteEin Denkender wohl schwerlich Wunder jeGenannt, was Kindern bloß so heißen müßte,Die gaffend nur das Ungewöhnlichste,Das Neuste nur verfolgen.
Daja (zu Nathan.)
Wollt Ihr dennIhr ohnedem schon überspanntes HirnDurch solchcrlcy Subtilitätcn ganzZersprengen?
Nathan.Laß mich! — Meiner Rccha wär'Es Wunders nicht genug, daß sie ein MenschGerettet, welchen selbst kein kleines WunderErst retten müssen? Za, kein kleines Wunder!Denn wer hat schon gehört, daß SaladinZe eines Tempelherrn verschont? daß jeEin Tempelherr von ihm verschont zu werdenVerlangt? gehofft? ihm je für seine FreyheitMehr als den ledern Gurt gebothen, derSein Eisen schleppt; und höchstens seinen Dolch?
Rccha.
Das schließt für mich, mein Natcr. — Darum ebenWar das kein Tempelherr; er schien es nur. —Kömmt kein gefangner Tempelherr je andersAls zum gewissen Tode nach Jerusalem ;Geht keiner in Jerusalem so frey