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Die Entwicklung der Kant'schen Lehre von den apri¬
orischen Erkenntniselementen wird sich am besten nach dem
Gesichtspunkte darstellen lassen, dafs wir in je einem Ab¬
schnitte die Anhänger und die Gegner dieser Lehre getrennt
behandeln. 1 ) Es soll damit nicht geleugnet werden, dafs
beide Parteien in diesem oder jenem mit einander überein¬
stimmen ; insbesondere wird es sich zeigen, dafs die Gegner
der Kant'schen Aprioritätslehre nicht durchweg alles
Apriorische in der Erkenntnis ablehnen. 2 )
I. Abschnitt.
Die Anhänger der Kant'schen Aprioritätslehre.
i. Karl Leonhard Reinhold.
Reinhold macht es sich zur Aufgabe, die Kant'sche
Vernunftkritik schärfer zu begründen, als Kant selbst es
gethan habe, indem er versucht, ihre Lehren aus einem
obersten Satze abzuleiten. Zu diesem Behufe stellt er seinen
Fundamentalsatz des Bewufstseins auf: »Im Bewufstsein wird
die Vorstellung vom Vorstellenden und Vorgestellten unter¬
schieden und auf Beides bezogen.« Daraus ergiebt sich nach
Reinhold die Zerlegung der Vorstellung in den Stoff als das¬
jenige, was dem Objekte und in die Form, welche dem
Subjekte zukommt. 3 ) Es ist eine innere Bedingung der Vor¬
stellung, eine Form zu besitzen; das ergiebt sich auch aus
dem Wesen des Vorstellens, welche Thätigkeit nichts anderes
') Mafsgebend für diese Einteilung ist die bewufste Stellung
der betreff, Philosophen zu oder gegen Kant.
2 ) Vgl. M. Heinze, Ernst Platner als Gegner Kants. Progr.
Leipzig. S. 14.
3 ) Versuch einer neuen Theorie d. menschl. Vorstellungsvermög.
1789. S. 235.