Die Gesellschaft,
I'.
Die Gesellschaft, die in diesen Formen regiert ward, schied sichin Preußen wie in den übrigen deutschen Territorien in Adel,Bürger und Bauern. Das Verhältnis der Stünde war nicht gleichin den verschiedenen Gebieten, aber ähnlich: bei der folgendenSchilderung sind in erster Linie die preußischen Lande berücksichtigt,aber sie ist nicht nur für sie bestimmt. Der Adel, dessen Kern dieRittergutsbesitzer bildeten, die noch im Besitz von wesentlichen Be-fugnissen der öffentlichen Gewalt waren, war durch Steuerprivilegienund schnelleres Aufsteigen bei jeder Laufbahn in Heer und Ver-waltung ungemein bevorzugt. Aber ein großer Teil des preußische»und überhaupt des deutschen Adels war arm, wenigstens zu arm,um den mit solcher Bevorzugung verbundenen Pflichten und An-sprüchen gemäß zu lebeu, uud suchte sich durch Hofdienst und durchdevote Unterwerfung unter die Launen der Fürsten , des eigenenoder anderer, die Bedienstungen und Einnahmen zu sichern, ohnedie er sich nicht zu erhalten wußte. Auch Schläge und andereentehrende Behandlung nahmen manche dieser Herren hin.
Es gehört mit zu den wesentlichen Zügen der Zeit, daß solcheBehandlung durch Fürstenhand nicht als entehrend angesehen wurde,daß wenigstens das Urteil im Zweifel blieb, ähnlich wie dieMaitressen der Fürsten in „Ehren " gehalten wurden uud ihreFamilie sich des Satzes getröstete, daß Fürstenblut nicht schünde.So dürftige und elende Stellung trieb den Adel, sein moralischesGleichgewicht durch desto schroffere Uberhebung über Bürger undBauer wiederzugewinnen.
Die Städte waren fast alle ohne Kraft und Lebeu, dabeieifersüchtig auf ungerechte oder doch durch die Veränderung derVerhältnisse in Unrecht verkehrte Stapelrechte und andere Privilegien,die Handel und Gewerbe hemmten und namentlich den benach-barten Gütern und deren Dörfern lüstig waren. Die Bürgerwaren höher angesehen und besser geschützt als die Bauern, aberdem Übermut des Adels und der Offiziere doch noch immer arggenug Preisgegeben. Wie in Frankreich hohe Herren kein Bedenkenzu tragen brauchten, einen Bürgerlichen und selbst einen Voltairevon ihren Bedienten durchprügeln zu lassen, so ließ „am 24. Mai1783 ein Leutnant von Bohnen in Stuttgart einen an der Haupt-