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Einleitung.

wache vorbeigehenden Kammerrat, weil er den Hut nicht vor ihmabgezogen, in die Wachtstube schleppen und ihm fünfundzwanzigStockschläge aufzählen". Als Gegenstück aus Preußen mag derGeneral von Stutterheim dienen, der noch in der Neformperiodeeine Rolle spielte, der aber dafür bekannt war, in derguten altenZeit" Bürgerliche geprügelt zu haben. Gesetzlich war der Bürgergegen solchen Unfug geschützt, aber es ging ihm mit seinem Rechte,wie heute dem Bauern im Riesengebirge mit dem Recht auf Wild-schadenersatz: oft genug durfte er uicht wagen, die Gerichte anzurufengegen den gesellschaftlich überlegenen Widerpart. Mochte hie undda ein Bürger stolz auftreten und durchdringen mit seinem Rechte,die Masse lag in ersterbender Devotion vor den gnädigen Herrenim Staube und ertrug, was die Gewalt und der Hochmut sichherausnahm.

Einzelne Bürger freilich erlangten auch damals hervorragendeBedeutung. So hatte der Berliner Kaufherr Goluchowski beiFriedrich dem Großen nicht bloß in Sachen der Seidenindustriegroßen Einfluß, sondern konnte auch sür Leipzig mit Erfolgeintreten, als es von schwerer Brandschatzuug bedroht war.Sein Wort rettete Berlin vor der russischen Plünderung, und150 000 Thaler opferte er für ein dortiges Handelshaus, umden Berliner Kredit in Hamburg und Antwerpen aufrecht zu er-halten. Aber diese Einzelnen ändern das Gesamtbild nicht wesent-lich, auch darf man sich nicht ohne weiteres nach ihren Mittelnund ihrer Kühnheit das Bild des Handelsbetriebes gestalten. Wohlwar um 175060 im besonderen die Seidenindnstrie Berlins zugroßer Bedeutung gelangt, aber mir durch eine fortgesetzte Für-sorge des Staates, die gewiß damals im ganzen zweckmäßig wirkteund großartig zu nennen ist, die aber doch zugleich ein Beweis istfür die Armseligkeit der städtischen Bevölkerung des Ostens. Nochstärker sprechen die Zeugnisse, die in den Berichten und Maßregelnder Kommissionen aufgehäust sind, durch welche Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große die zerrütteten Finanzen und Verwaltungenvieler Städte ordnen ließen. Was wir da hören, ist so überaustraurig und kümmerlich, daß wir uns leicht überzeugen, daß dieseEingriffe der Regierung und ihre dauernde Überwachung der