Der Fürstentag vom 17. August bis 1. September 1863.
561
verständlichen Rücksichten: man konnte es Wohl eine Überrumpelungnennen. Aber die Fürsten kamen, und Franz Josef erlebte inFrankfurt eine Reihe persönlicher Triumphe, wie sie ihm in seinemlangen Regentenleben nie wieder beschieden waren. Die Liberalenfeierten in ihm den konstitutionellen Herrscher und die Großdeutschenden Helden, der ihr Ideal einer Bundesreform verwirkliche. Alleaber blendete das ungewöhnliche Schauspiel eines Fürstenparlaments.
Der Kaiser leitete die Verhandlungen mit Geschick und gewannfür seine Vorschlage, die sich in den herkömmlichen Bahnen dergroßdeutschen Politik bewegten, die große Mehrheit der Stimmen,obwohl zunächst alle, und die größeren Staaten am meisten, über dieformlose Überrumpelung entrüstet waren. Man wollte die Organedes alten Bundes durch ein Buudesdirektorium und eine Delegierten-Versammlung erweitern, die als eine Vertretung der deutschenNation angesehen werden könnte, ohne es zu sein.
Eine klare Opposition vertrat eigentlich nur der Großherzogvon Baden, dieser aber mit großem Nachdruck und entschiedenerWirkung. Er verwarf sowohl die Delegiertenversammlung wie dasBundesdirektorium und schließlich die ganze Vorlage und stützteseine Erklärungen durch klare Deduktionen. Seine Räte warenRoggenbach und Jolly, die namentlich noch durch Karl Mathy unterstützt wurden, der den österreichischen Vorschlag als Humbug,als ein gar nicht ernstgemeintes, frivoles Sviel bezeichnete. Jolly,der damals die ersten Proben der staatsmännischen Klarheit ablegte,die ihm in den Jahren 1866—76 einen so hohen Rang unter dendeutschen Staatsmännern sichern sollte, schilderte in vertrautenBriefen das rücksichtslose Vorgehen der österreichischen Diplomaten,ihre dreisten Intriguen und brutalen Terrorisierungsversuche, unddem gegenüber die hilflose Haltung der Kleinstaaten.
Die Kleinen sind so ziemlich alle in dem oder jenem gegnerisch gegenOsterreich ; sie haben aber alle solchen Respekt vor dem Kaiser, daß nurselten einer zur Opposition sich versteigt. Dagegen hält sich der Unsrige sehrwacker, er weicht, obgleich völlig isoliert — der Koburger ist vollkommen ver-worren — nicht um Haaresbreite von seiner Stellung: er lehnt konstitutionelljede bindende Erklärung ab, die nur mit Unterschrift der Minister geschehenkönne, fügt sich den Intriguen der Österreicher nicht und kritisiert alle ein-zelnen Artikel vom nationalen und liberalen Standpunkt aus. Diese VotaKaufmann, polit. Geschichte. 36