Carl Neumann.
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wirkung der einen elektrischen Masse auf die andere eine gewisse Zeitbrauche, da aber von Wirkungen in den zwischenliegenden Stellen nichtdie Rede ist, liegt trotzdem keine Feldtheorie im Sinne der Faraday-Maxwellschen Theorie vor.
Das Webersche Gesetz bildet den roten Faden, der sich durch eineReihe von Abhandlungen Neumanns hindurchzieht. Bereits in seinerTübinger Antrittsrede (1865, Nr. 18) hatte Neumann erklärt, daß sichalle Erscheinungen diesem Gesetze auf das Genaueste fügen. Es hattenaber inzwischen Thomson und Tait und später Helmholtz Einwände gegendas Webersche Gesetz in der Richtung erhoben, daß dieses Gesetz demPrinzip der Erhaltung der Energie widerspreche. Neumann hat in ver-schiedenen Arbeiten (46, 47, 66, 74) diese Einwände.zu entkräften ver-sucht und ist bei dieser Gelegenheit — auch hinsichtlich des Begriffs derkonstanten Magnete, den Neumann im Gegensatz zu Helmholtz als denGesetzen der Elektrodynamik widersprechend ansieht — in erheblicheDifferenzen mit Helmholtz geraten. Im Grunde dürfte die das WeberscheGesetz betreffende Frage gegenwärtig kaum mehr von besonderem Inter-esse sein, da jetzt in der Elektrodynamik nicht nur das Webersche Ge-setz, sondern überhaupt jede Fern wir kungstheorie gegenüber der Feld-wirkungsvorstellung — mit oder ohne Relativitätstheorie — als aufgegebenerscheint.
Im Jahre 1873 hat Neumann den ersten Teil eines groß angelegtenWerkes: „Die elektrischen Kräfte" veröffentlicht (Nr. 60). Es sollten dievon Ampère, F. Neumann, Weber und Kirchhoff entwickelten Theoriendargelegt und zugleich erweitert werden. Der erste Teil beschäftigt sichnur mit den Theorien von Ampère und F. Neumann, und C. Neumann hatsich dabei hauptsächlich die Aufgabe gestellt, ein elektromotorisches Ele-mentargesetz zu finden, das für geschlossene Ströme das F. NeumannscheIntegralgesetz ergibt. Der zweite Teil des Werkes ist erst im Jahre 1898erschienen (Nr. 135) und beschäftigt sich in Abänderung des ursprünglichenPlanes hauptsächlich mit den von Helmholtz in seinen älteren und neuerenArbeiten angestellten Untersuchungen. Neumann setzt hier zuerst gewisse„Grundeigenschaften" voraus, womit — ähnlich wie bei einem rationellenAufbau der Mechanik — Annahmen gemacht sind, die unbeweisbar sind,aber doch auf Grund der Erfahrung einigermaßen nahe liegen. Aus diesenGrundeigenschaften wird nun ein elektromotorisches und nachher ein pon-deromotorisches Elementargesetz entwickelt, wovon das erste noch sieben,das zweite noch vier vom Abstand der aufeinander einwirkenden Strom-elemente abhängige unbekannte Funktionen enthält. Über diese Funktionenwird dann mit Hilfe der beiden F. Neumannschen Integralgesetze, mitHilfe des Helmholtzschen Prinzips des vollständigen Differentials, des