Aufsatz 
Die Wiederholung des Michelson-Versuchs und die Relativitätstheorie
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Michelson-Versuch und Relativitätstheorie.

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sein, jetzt schon zu untersuchen, welchen Einfluß der Miller-Effekt auf dieR.-T. haben würde, wenn er vielleicht dennoch sichergestellt würde. Vorläufigwollen wir also annehmen, daß dies tatsächlich geschehen sei, d. h. daßsich von experimentalphysikalischer Seite keinerlei Beobachtungsfehleraufweisen lassen, so daß die gefundenen Resultate vollwertig in den Natur-gesetzen berücksichtigt werden müssen.

§ 2.

Über die Grundlagen der R.-T.

Zuerst wollen wir bemerken, daß das Grundprinzip der allgemeinenR.-T.:Ein Naturgesetz ist invariant beliebigen topologischen (d. h. ein-eindeutigen stetigen) Transformationen gegenüber" von keinem einzigenExperiment beeinträchtigt werden kann, und also nach Hermann Weyl 11 )ein rein formales Prinzip darstellt 12 ). Die Bedeutung dieses Prinzipswird besonders dadurch erhellt, daß man nach Prof. G. Mannoury 13 ) dasProblem des Aufbaus der Physik gänzlich auf psychische Inhalte zurück-führt. Ein derartiger Aufbau möge im folgenden kurz skizziert werden,wobei wir, der Kürze halber, auf vollkommene Strenge der Darstellungund Aufzählung sämtlicher Voraussetzungen verzichten müssen.

Der Möglichkeit einer Physik, sowie einer jedenexakten" oderwenigstenskonkreten" Wissenschaft, liegt die im Sinne Vaihingers 14 )fiktive" Möglichkeit zugrunde, die kontinuierliche Wirklichkeit in eineMenge diskreter Elemente aufzulösen, die mittels irgendeines Symbols(z. B. Wortes, Zeichens) angegeben werden können: das ist aber nichtsanderes als die Möglichkeit der Sprache überhaupt 15 ). Die Elemente dieserMenge nennen wirWeltpunkte". Sodann muß die Möglichkeit postuliertwerden, gewisse Teilmengen mittels besonderer Symbole zusammenzufassen.Und zwar soll einerseits eine Menge bestimmter Teilmengen mittels je

")Massenträgheit und Kosmos", Die Naturwissenschaften 12 (1924), S. 197.Wieder abgedruckt inWas ist Materie?" S. 61. Berlin: Julius Springer 1924.

12 ) Diese Auffassung wird in der letzten Zeit ziemlich allgemein vertreten, u. a.von Prof. Einstein, wie dieser dem Verfasser Dezember 1924 nach Kenntnisnahmevorliegender Abhandlung brieflich mitteilte. Vgl. auch die in Fußnote 22 ) genannteAbhandlung.

13 ) U. a. in seinen an der Amsterdamer Universität in den Jahren 19201921gehaltenen Vorlesungen.

14 ) Hans Vaihinger,Die Philosophie des Als-Ob". Berlin: Reuthen & Reichard,2. Aufl., 1913.

15 ) Das WortSprache" ist im allgemeinsten Sinne gemeint. Vgl. z. B. FritzMauthnerBeiträge zu einer Kritik der Sprache". Erster Band :Zur Sprache undzur Psychologie". Stuttgart und Berlin: J. G. Cotta, 2. Aufl. 1906, S. 3ff.