Michelson-Versuch und Relativitätstheorie.
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Es wäre dann zu untersuchen, ob die anderen Versuche, die einen Effekt vonder zweiten Ordnung nachweisen könnten, z. B. der Trouton-Noblesche, beiWiederholung immer noch ein deutlich „negatives" Resultat zeigen, wasallerdings eine schwer zu lösende Diskrepanz hervorbringen würde 23 ). Nachder Bestimmung des Lichtkegels wäre die Frage übrigens in ihr kosmo-logisches Stadium getreten. Es wäre dann — aber auch erst dann! —zu untersuchen, ob sich irgendwelcher Zusammenhang finden ließe zwischenRichtung und Größe der Achsen des Ellipsoids und des Vektors q a einer-seits und der Massenverteilung im Weltall bzw. deren Änderung relativzur Erde im Laufe der Zeit andererseits. Dabei müssen wir der wich-tigen Bemerkung Hermann Weyls 24 ) Rechnung tragen, nach der es mög-lich ist, alle getrennten Körper in der Welt mittels einer topologischenTransformation simultan auf Ruhe zu transformieren, so daß es keinentopologisch invarianten Sinn hat, von relativer Bewegung getrennter Körper,z. B. der Erde und der Sternmassen, zu reden. Eine Bewegung der Erderelativ zu den Weltmassen hat folglich nur insofern empirische Bedeutung,als sie die zeitliche Änderung der Beziehungen zwischen der Erde unddem Felde in ihrer unmittelbaren Umgebung, dem „Sternenkompasse",darstellt.
Sind die q a wirklich von der Ordnung 10dann definiert derMiller-Effekt einen Vektor q a , den man „Äthergeschwindigkeit" nennenkann. Hier müssen wir uns der relativistischen Physik besonders dankbarzeigen für den von ihr eingeführten Begriff des metrischen (und zwarlichtgeometrischen) Feldes, der imstande ist, den alten Äther als Trägerder Lichtivellen und anderer elektromagnetischer Phänomene zu ersetzen,so daß er vortrefflich geeignet erscheint, den „Ätherismus" mit dem„Non-Ätherismus" zu versöhnen. Wenn wir aber auf Grund des Miller-Effektes eine Äthertheorie aufstellen, d. h. den Effekt in der Sprache derklassischen Äthertheorie beschreiben wollen, so müssen wir darauf achten,daß nur noch der Begriff „Äthergeschwindigkeit", nämlich das Vektorfeld,nicht aber noch der Begriff des Äthers selbst einen physikalischen Sinnerhalten hat. Es läßt sich aber ein beliebiges Vektorfeld als Geschwindig-keitsfeld irgendeiner hypothetischen „materieartigen" Substanz deuten, derenphysikalische Charaktere, wie Zusammendrückbarkeit, Elastizität usw., aus
■ 3 ) Dieser Versuch ist inzwischen tatsächlich wiederholt worden, und zwar vonR. Tomaschek auf dem Jungfraujoch, wie dieser in einer nach Abschluß dieses Auf-satzes veröffentlichten Abhandlung mitteilt [Annal, d. Phys. (4) 78 (1925), S. 743—756].Weil T. keinen positiven Effekt hat beobachten können, ist die im Text erwähnteUnstimmigkeit tatsächlich entstanden, wie auch T. 1. c. S. 755 bemerkt.
24 ) Am untor 13 ) angeführten Ort, S. 198 bzw. S. 62. Vgl. auch „Raum, Zeit,Materie", S. 268.