Michelson-Versuch und Relativitätstheorie.
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Es möge dahingestellt bleiben, ob die Silbersteinsche Fassung derÄthertheorie tatsächlich imstande ist, den Miller-EfEekt quantitativ zu er-klären 38 ), es geht jedenfalls wohl so viel aus der angeführten Diskussionhervor, daß das Ergebnis weniger noch mit der R.-T., als mit der klassi-schen Äthertheorie im gröbsten Widerspruch steht. Am deutlichsten zeigtdies außerdem eine ebenso wichtige wie einfache Bemerkung, die Prof.H. A. Lorentz Anfang Oktober 1925 in einem von der vorliegenden Ab-handlung veranlaßten Gespräch mit dem Verfasser machte, und diemerkwürdigerweise in der englischen Diskussion übersehen worden ist.Diese Bemerkung lautet folgendermaßen: Nehmen wir an, es gäbe eineabsolute Äthergeschwindigkeit, die eine feste Richtung gegen die Fixsternehabe. Dieser Vektor würde dann (auf die Erde bezogen) im Laufe einesTages einen Rotationskegel um die Himmelsachse beschreiben. Seine Hori-zontalkomponente durchliefe also ein ebenes Vektorbüschel, das symmetrischläge zur Projektion der Himmelsachse auf der Horizontalebene, das heißtzur Richtung Nord—Süd. Im Mittelwert über einen siderischen Tag würdeder Vektor also die Richtung Nord —Süd haben müssen. Aus Abb. 1 gehtaber ganz deutlich hervor, daß die mittlere Richtung der Vektoren einenWinkel von wenigstens 40° mit den Meridian bildet, im Widerspruch zuunserer Annahme 34 ). Diese Betrachtung läßt sich nach einer ebenfalls vonProf. Lorentz Anfang Oktober 1925 herrührenden Gedankenfolge auf denvom Verfasser behandelten allgemeineren Fall erweitern. Anstatt durcheinen Vektor (D, rp M ), wie Miller es tut, können wir nämlich das Ergebniseinfacher durch den Vektor (D, co) darstellen, wo \co — cp M das Maximal-azimuth bedeutet. Bis auf einen Proportionalitätsfaktor werden dann dieKomponenten des Vektors den Größen S cos co und S sin co gleich sein [vgl.die Gleichungen (5)]. Die Rechnung wird dadurch erheblich vereinfachtund ergibt nach Prof. Lorentz, falls die l ik mit Bezug auf das Fixstern-machten Voraussetzungen und ihrer Polgerungen, so kann natürlich durch Preisgabeder Einsteinschen Gleichungen die heutige allgemeine R.-T. durch eine neue ersetztwerden; in ihren Grundprinzipien aber, welohe Vorstellungen über Raum, Zeit undBewegung betreffen, wird diese neue Theorie von der heutigen nie verschieden sein"(S. 404). Über die Bedeutung der etwas vagen bei Joos vorkommenden Begriffe„Wahrscheinlichkeit eines Befundes" und „Sicherstellung der Richtigkeit" vgl. § 9des Textes.
33 ) Hierzu bemerkt Hans Thirring in einer nach Einreichung dieses Aufsatzesveröffentlichten Abhandlung [Naturwissenschaften 14 (12. Februar 1926), S. 111—116]:„ ... die Stokessche Annahme (stellt) überhaupt keine ausgearbeitete Theorie deselektromagnetischen Feldes dar und kann mit der Einstein-Minkowskischen Elektro-dynamik, die eindeutige Feldgleichungen lieferte, eine Reihe neuer Gesichtspunkteeröffnete und beobachtbare Effekte voraussagte, nicht in Wettbewerb treten."
al ) Dieselbe Bemerkung wurde später in dem in 33 ) genannten Aufsatze vonThirring gemacht.