280 D. van Dantzig.
system konstant sind, daß der Mittelwert von S sin co über einen siderischenTag verschwindet. Das so erhaltene Diagramm, das aus Abb. 1 dadurchhervorgeht, daß man die Winkel aller Vektoren mit der Vertikale ver-doppelt, soll dann also symmetrisch liegen zur Vertikalen, was ebensowenigder Fall ist. Die Betrachtung läßt sich übrigens auch ohne Rechnungdurchführen, wenn man beachtet, daß eine Funktion, die im obengenanntenSystem konstant ist, im mit der Erde rotierenden System immer dieMeridianebene zur Symmetrieebene hat. Dies gilt also auch für die Kom-ponenten eines Tensors beliebiger Stufe, also auch für jede daraus ab-geleitete Invariante, insbesondere für den Vektor ( S , co).
Aus diesen verschiedenen Bemerkungen geht hervor, daß es gänzlichausgeschlossen ist, im Miller-Effekt ein Experimentum crucis zwischen derklassischen Theorie und der R.-T. zu erblicken.
Aus der obenerwähnten Unabhängigkeit der Möglichkeit des allge-meinen Tensorkalküls von jedem Experimente ergibt sich ohne weiteres,daß die Erwägung der Möglichkeit einer Rückkehr zur klassischen Theorienicht mehr und nicht weniger bedeutet als die Vermehrung der Anzahlder Grundtensoren. Und wenn man dies tut, so gibt es durchaus keineVeranlassung, die l ik sofort durch die Bedingung einzuschränken, die räum-lichen Komponenten von dL~ sollen mit denen von dG 2 identisch sein,wie es die Erklärung des Miller-Effektes mittels eines einzigen Vektorstut; da ist eben die oben eingeführte Verallgemeinerung zur vollständigen Un-abhängigkeit der beiden Tensoren die am meisten auf der Hand liegende undvorurteilsfreiste Erklärung. Es läßt sich dann auch der Lorentzschen Kritikdadurch vorbeugen, daß man z. B. annimmt, die q a seien (im Fixsternen-system) nicht, die r a ß aber wohl von der Zeit abhängig, und zwar in demSinne, daß die letzteren ganz oder teilweise von der Erde bei ihrerDrehung mitgeführt werden, das heißt, daß das Ellipsoid im Laufe desTages seine Lage relativ zur Erde beibehält, also gegenüber dem Fixstern-system rotiert (wodurch die Komponente in der Richtung Ost —West bei Millererklärt werden kann), und daß die Abweichung des Ellipsoids von einer Kugelmit der Höhe zunimmt. Die Konstanz der q sichert dann die Irrotatio-
a
nalität des Geschwindigkeitsvektors, und die Variabilität der r a ß wider-spricht den Aberrationserscheinungen nicht, weil diese, wie u. a. G. Giorgia. a. 0. bemerkt, von der Richtungsdifferenz der Wellennormalen am Anfangund Ende eines Lichtstrahls unabhängig sind. Der Michelsonsche Versuchüber den Einfluß der Erdrotation auf die Lichtgeschwindigkeit, der kürzlichvon A. A. Michelson und Henry G. Gale wiederholt worden ist 35 ), ergibt
86 ) A. A. Michelson und H. G. Gale: „The Effect of the Earth's Rotation on theVelocity of Light", Nature 115 (18. April 1925), S. 566. Vgl. auch: C. Runge, DieNaturwissenschaften 13 (15. Mai 1925), S. 440, und E. Freundlich, ebenda 13 (29. Mai 1925),S. 485.