Aufsatz 
Über die Differentialgleichungen der Himmelsmechanik
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Differentialgleichungen der Himmelsmechanik.

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im allgemeinen noch keine Lösung von (1) darstellt, sondern nur eineerste Näherung gibt.

Nach der von Hill herrührenden, von Poincaré und v. Koch präzi-sierten Theorie der charakteristischen Exponenten kann die Aufsuchungder bedingtperiodischen Lösungen des linearen Difïerentialsystems (11)auf die Methode der unbestimmten Koeffizienten gegründet werden; wirbeschäftigen uns, im Anschluß an eine wenig beachtete Arbeit von v. Koch 1 ),mit der Aufgabe, mit derselben Methode die bedingtperiodischen Lösungenvon (6) zu finden.

4. Die Hauptschwierigkeiten der Poincaréschen Himmelsmechanik'-)rühren bekanntlich davon her, daß identisch verschwindende charakteristi-sche Exponenten existieren 3 ). Im Falle der asymptotischenLösungenhat Poincaré diese Schwierigkeiten auch nicht überwunden. Er erhältnämlich (übrigens mit einer nicht stichhaltigen Schluß weise) eine ge-wisse Schar von Funktionenreihen in t, welche Schar durch einen Para-meter fj. zusammengehalten wird; würde die Funktionenreihe bei einemfesten ¡u 0 konvergent sein, so würde sie eine asymptotische Lösung beidiesem Werte von ¡ j , darstellen. Nun sind die Reihen divergent; Poincarébeweist die Semikonvergenz und folgert bloß daraus die Existenz derasymptotischen Lösungen. Ohne eine nähere Untersuchung wird aberdurch die Semikonvergenz die Existenz offenbar noch nicht verbürgt, da(wegen der Semikonvergenz) der Parameter einem Grenzprozesse zu unter-werfen ist; es läßt sich also a priori nicht behaupten, daß es ein ¡u b gibt,zu welchem eine asymptotische Lösung gehört. Poincaré hat die Exi-stenz der asymptotischen Lösungen im Falle der Himmelsmechanik nichtbewiesen (seine späteren, bloß formalen Untersuchungen kommen hiernicht in Betracht); was von Poincaré behandelt wird, ist eine interessanteEigenschaft seiner Reihenschar, aber nicht mehr.

5. Die erwähnte Schwierigkeit umgehe ich durch einen Kunstgriff,der von Herrn Schmidt 5 ) in seinen analogen Untersuchungen über dienichtlinearen Integralgleichungen angewendet und seitdem von HerrnLichtenstein zur Behandlung von anderen schwierigen Fragen herangezogen

1 ) Bull. Soc. Math, de France 27 (1899), S. 215227.

2 ) Acta Math. 13 (1890); Méth. Nouv. de la Méc. Cél. IIII. Paris (18921899).

3 ) Und zwar wegen der Existenz der klassischen Integrale (NB. das Integralder lebendigen Kräfte [Jacobisches Integral] isj zweifach zu zählen), also aus geo-metrischen Gründen (Transformationsgründen), wie in der Theorie der Gleichgewiehts-figuren. In der Hillschen Perigäum-Theorie werden diese Exponenten bekanntlichmit Hilfe desselben Integrals eliminiert, aus welchem sie entspringen.

4 ) Méth. Nouv. I, chap. VII.

6 ) Math. Annalen 65 (1908), S. 370-399. Vgl. v. Koch, 1. c. S. 221-222.