I. Kapitel. Die Entstehung des Gehles. § 3.
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Zu merkwürdigen Bildungen hat bei gewissen halbwilden Völkerndie Verbindung mystischer Vorstellungen mit dem Gelde geführt. Selt-samkeit des Ursprunges, hohes Alter, Einholung des Geldes aus ent-fernten Gebieten und unter bestimmten Zeremonien, irgendwelche Ver-bindungen mit dem Totenkultus und dem Geisterglauben, — das allesverleiht vielfach bei halbwilden Völkern Gegenständen, die an undfür sich ungeeignet als Gebrauchs- und Verbrauchsgut sind, ein ge-heimnisvolles Ansehen. So leitet das merkwürdige Scherbengeld derPalau-Inseln seinen Wert von seinem hohen Alter und seinem angeb-lich himmlischen Ursprung ab. Das Steingeld der Insel Yap , mühl-steinartige Aragonitplatten von verschiedener Größe, wird untergroßen Gefahren von den Palau-Inseln eingeholt. Die Bewohner desBismarckarchipels pflegten ihr Muschelgeld zu ganz bestimmtenZeiten aus bestimmten Bezirken der Nordküste von Neupommern zubeschaffen.
Wehn nun die als Tauschmittel dienenden Güter eine Auswahl ausdem ganzen Kreise der Tauschobjekte darstellten, so standen auch sienaturgemäß unter der Herrschaft der herkömmlichen Wertverhältnisse,die sich über die Gesamtheit der Tauschgüter erstreckten. Dietraditionellen Wertverhältnisse schufen hier aus den verschiedenartigstenGütern, aus Sklaven, Rindern, Schafen, Edelmetallringen und -spangen,Muscheln, Fellen, Salz usw. gewissermaßen ein einheitliches Geld-system. Aber diese primitiven Geldsysteme dürfen nicht unter einemunseren heutigen Geldsystemen entlehnten Gesichtspunkte betrachtet wer-den: die Grenze zwischen Tauschmittel und Tauschgut war vollkommenflüssig, das Geld stand den Waren noch nicht gegenüber wie eine insieh geschlossene Einheit der Vielheit. Ferner entsprach den festenWertverhältnissen zwischen den einzelnen als Tauschmittel dienendenGütern durchaus nicht immer die Vertretbarkeit, durch welche dieeinzelnen Geldarten erst zu einem Geldsysteme vereinigt werden. Wirbegegnen vielmehr einer gewissen Rangordnung der einzelnen Geldarten,vermöge deren kostbare Güter nur durch entsprechend kostbare Tausch-mittel eingetauscht werden können, während andrerseits kostbare Tausch-mittel nur zum Eintausch entsprechend wertvoller Waren, nicht aberzum Ankauf großer Mengen geringwertiger Gegenstände verwendetwerden dürfen. So konnte man in Afrika vielfach Sklaven nicht mitgeringwertigen Tauschmitteln kaufen, sondern nur mit bestimmten kost-baren Gegenständen, wie Elfenbein oder Gewehren und Schießpulver.In Angola konnte Elfenbein nur gegen Schießpulver und Gewehre ein-gehandelt werden. In Betschuanaland war Rindvieh nicht gegen densonst als Tauschmittel gebräuchlichen Tabak, sondern nur gegen Eisenund Zeuge käuflich. Ebenso soll in gewissen Teilen Westafrikas Gold nicht für Glas waren, Tabak usw. erhältlich sein, sondern nur
Helfferich, Das Geld. 2