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Das Geld / Von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
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22 Erstes Buch. L Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.

ausgesetzt ist, desto größer ist im allgemeinen die jeweilige Neupro-duktion im Verhältnis zum vorhandenen Bestände, desto stärker istdie Einwirkung der Schwankungen der Neuproduktion auf den Preis.Während z. B. beim Getreide der jeweilige Ernteertrag den noch vor-handenen Vorrat aus früheren Ernten meist beträchtlich übersteigt,mithin das Jahr für Jahr verfügbare Getreide quantum und damitauch der Getreidepreis in erster Reihe von den Schwankungen desErnteausfalls abhängt, hat selbst die ungewöhnlich große Goldproduktionder letzten Jahre (1600 Millionen Mark und darüber) jährlich nur etwa5 Prozent- des auf mehr als 30 Milliarden Mark zu schätzenden mone-tären Goldbestandes der Welt betragen und vielleicht nur halb sovielim Verhältnis zu dem gesamten aus Geld und Goldwaren bestehendenGoldvorrat. Die Dauerhaftigkeit der Edelmetalle gibt also der ver-fügbaren Menge eine außerordentlich große Beständigkeit gegenüberden Schwankungen der Neuproduktion. Nur eine sich auf lange Zeit-räume erstreckende ungewöhnlich hohe oder niedrige Edelmetallproduk-tion kann mithin einen merkbaren Einfluß auf die Wertgestaltung derMetalle ausüben.

Diese bedeutsame Wirkung der Dauerhaftigkeit der Edelmetallewird verstärkt durch gewisse Folgen, die sich aus dem Luxuscharaktervon Gold und Silber ergeben. Es ist eine bekannte Tatsache, daßdie Preisschwankungen am heftigsten sind bei den unentbehrlichstenBedarfsgütern, und daß sie umsomehr abnehmen, je entbehrlicher einGut ist. Bei Luxusartikeln genügt eine geringere Preisverminderung,als bei den unentbehrlichen Dingen, um das gestörte Verhältnis vonAngebot und Nachfrage wieder in Übereinstimmung zu bringen. Weilder Bedarf an Brot keine wesentliche Einschränkung verträgt, weiljedermann lieber auf alles andere verzichten als verhungern will, des-halb sind hier ganz andere Preiserhöhungen notwendig, um den aufGrund des verfügbaren Vorrates nicht zu befriedigenden Teil der Nach-frage auszuschalten, als bei Luxusgegenständen, auf die jedermann amleichtesten verzichten kann. Andrerseits ist der Verbrauch und Bedarfan den unentbehrlichsten Dingen, wie oben bereits gezeigt wurde, amwenigsten steigerungsfähig; ein starkes Mehrangebot von Nahrungs-mitteln usw. kann sich deshalb, namentlich wenn sie leicht ver-derblich sind, nur durch ganz unverhältnismäßig viel größere Preis-herabsetzungen Absatz verschaffen, als ein vennehrtes Angebot vonLuxusartikeln, für welche eine Schranke der Aufnahmefähigkeit über-haupt nicht existiert. Durch diese Verhältnisse erscheint die Wert-beständigkeit der Edelmetalle, für welche ihre substantielle Dauer-haftigkeit die erste Voraussetzung und ein äußerliches Symbol ist, inganz besonders hohem Grade gewährleistet.

Wenn auch einzelne der hier aufgezählten Eigenschaften bei an-