42 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.
Wir sehen also, wie sich gleich nach der Einführung des ge-münzten Geldes innerhalb eines und desselben Zirkulationsgebietes ver-schiedene Münztypen entwickelten, von denen ein jeder mit seinen Teil-stücken eine Gruppe für sich bildete.
Noch deutlicher tritt diese Zersplitterung in einzelne von einanderunabhängige Münzsorten in Erscheinung bei denjenigen Völkern,welche nicht durch den eignen Erfindungsgeist, sondern durch dieBerührung mit höher entwickelten, gemünztes Geld gebrauchendenNationen die Münze als Tauschmittel kennen lernen. Bis zum heutigenTage können wir beobachten, wie bei solchen Völkern sich die Münzenverschiedener handeltreibender Nationen zusammenfinden, dabei vielfachsolche Münzsorten, die in ihrem Ursprungslande nicht als Geld dienen,sondern ausschließlich für den Handel mit fremden, halbzivilisiertenVölkern geprägt werden, wie Maria-Theresia-Taler, spanische und ameri-kanische Trade-Dollar usw. Oft werden solche Münzstücke zu einemGliede des gewissermaßen naturalen Geldsystems und verrichten ihreDienste als Tauschmittel neben Rindern, Salz, Kaurimuscheln und anderenTauschgütern. Das Zusammentreffen verschiedener Münzsorten ausverschiedenen Ländern führt hier zu einem bunten Gemisch, dem jedeinnere Gliederung und jeder Zusammenhang fehlt.
Nur auf verhältnismäßig hohen Stufen der wirtschaftlichen undpolitischen Entwicklung und bei einer straffen Zentralisation derStaatsgewalt ist es gelungen, in Anlehnung an einen bestimmtenMünztypus aus wenigen Sorten von Ganzstücken,- Teilstücken undVielfachen ein einheitliches System zu konstruieren; so wenigstenseinigermaßen in der besten Zeit des römischen Weltreiches undspäter in vollkommenerer Weise in den modernen Staaten der euro-päischen Kultur.
Für das Verständnis der Entwicklungsgeschichte des modernenGeldwesens ist eine etwas genauere Betrachtung der Geld Verfassungdes Mittelalters und der neueren Zeit notwendig.
Das Münzwesen des römischen Kaiserreichs geriet mit dem Nieder-gange des Weltreichs in einen vollständigen Verfall. In den Stürmender Völkerwanderung blieb von der römischen Münzverfassung nichtviel mehr übrig, als die Errungenschaft der geprägten Münze. DasMünzwesen der neu entstehenden staatlichen Gebilde lehnte sich meistan die überlieferten römischen Münztypen an. Sie gebrauchten west-römisches und oströmisches Geld; daneben schlugen sie auch eigne' Münzen nach diesen Vorbildern.
Im Laufe der Zeit bildete sich in den einzelnen Ländern eine un-glaubliche Mannigfaltigkeit von Münzsorten heraus, am meisten ausden bereits erwähnten Gründen dort, wo die geistlichen und weltlichenTerritorialherren und die Städte sich eine verhältnismäßig unabhängige