2. Kapitel. Die Entwicklung der Geldsysterae. § 5.
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leiden will, nur Münzen aus dem gegenüber dem tatsächlichen Wert-verhältnisse zu hoch bewerteten Metalle geprägt werden.
Dazu kommt, daß es für den Edelmetallhandel stets lohnend ist,die nicht allzu stark abgenutzten Münzen des in der staatlichenTarifierung zu ungünstig bewerteten Metalls einzuschmelzen undeventuell im Austausch gegen das zu günstig bewertete Metall nachdem Auslande zu exportieren. Wenn in 3100 Frs. französischer Gold-münzen — abgesehen von der Abnutzung — ein Kilogramm Münzgoldenthalten ist, dann kann man, da die Schmelzkosten im Verhältnis zumGoldwerte nicht ins Gewicht fallen, einen Gewinn dabei machen, wennman Goldmünzen einschmilzt und das so gewonnene Barrengold zu3150 Frs. pro Kilogramm Münzgold auf dem inländischen Edelmetall-markte oder nach dem Auslande verkauft.
Daraus ergibt sich, daß jede Verschiebung des tatsächlichenWertverhältnisses der Edelmetalle gegenüber demjenigen, welches derstaatlichen Tarifierung zugrunde liegt, das im Werte steigende Metallnicht nur von den Münzstätten fernhält, sondern auch zur Einschmelzungund Ausfuhr der aus ihm hergestellten und im Umlauf befindlichenMünzen führt. Jede Verschiebung des Wertverhältnisses zwischenGold und Silber vertreibt mithin das in seinem relativen Wertesteigende Metall aus der Zirkulation und füllt den Geldumlauf mitdem sich entwertenden Metalle.
Das sind nicht etwa rein theoretische Erwägungen, sondern dieErgebnisse der Erfahrungen, die während mehrerer Jahrhunderte inden verschiedensten Ländern mit diesem System, das wir heute Doppel-währung nennen, gemacht worden sind. Überall, wo der Staat einfestes Wertverhältnis und gegenseitige Vertretbarkeit zwischen Gold-und Silbermünzen vorschrieb und beide Metalle in dem Umfange prägte,wie sie bei seinen Münzstätten eingeliefert wurden, hat bei jederSchwankung des Wertverhältnisses der ungeprägten Edelmetalle dasim Werte sinkende Metall das im Werte steigende Metall aus demUmlaufe verdrängt.
Die sich daraus ergebenden Nachteile machten sich zuerst dortfühlbar, wo die gesamte Volkswirtschaft am weitesten fortgeschrittenund deshalb gegen Störungen auf dem Gebiete des Geldwesens ammeisten empfindlich war. Das Land, weiches in der modernen wirt-schaftlichen Entwicklung am weitesten vorausgeeilt war, nämlich Eng-land , hat daher auch in der Entwicklung des modernen Geldwesensdie Führung gehabt. Die englische Münzgeschichte ist deshalb hoch-bedeutsam für die Erkenntnis der Entwicklungsgeschichte der modernenGeldverfassung überhaupt. 1 )
1) Vgl. zum folgenden insbesondere Kalkmann, Englands Übergang zur Gold-währung im 18. Jahrhundert, 1895.