Hände küssen, Hüte rücken,Kniee beugen, Häupter bücken,Worte färben, Rede schmücken,Meinst du, daß das GaukeleiOder echte Freundschaft sei?
Heine beruft sich in dem erwähnten Zitat mit Rechtauf so gewichtige Kronzeugen wie Shakespeare und Goethe. Der Engländer M a 1 o n e hatte1790 (London) Shakespeares Werke in der Weiseherausgegeben, daß alle Sätze, Wendungen und ganzeSzenen, die er seinen Zeitgenossen entlehnt hatte,mit roten Buchstaben setzte. Es ging daraus her-vor, daß von den 6043 Shakespeare -Versen 1771wörtlich abgeschrieben und 2373 nach früherenVersen umgebildet waren. 18 )
Selbst Goethe, an dessen Originalität doch .kaum jemand Zweifel zu erheben wagen wird, warnt,wie aus verschiedenen Aussprüchen hervorgeht,direkt vor eigener Erfindung. „Welche Zeit gehtnicht an der Erfindung und inneren Anordnung undVerknüpfung verloren, worauf uns niemand etwaszugute tut, vorausgesetzt, daß wir überall mit unsererArbeit zustande kommen. Bei einem gegebenenStoff hingegen ist alles anders und leichter." 19 ) Undein andermal: „So singt mein Mephistopheles einLied von Shakespeare (Hamlet ), und warum sollte erdas nicht? Warum sollte ich mir Mühe geben, eineigenes zu erfinden, wenn das von Shakespeare ebenrecht war und eben das sagte, was es sollte?"
Aber Shakespeare und Goethe stehen mit dieserweitherzigen Auffassung nicht isoliert da. EduardStemplinger 20 ) führt Urteile der erlauchtesten Geisteran, die ihren diesbezüglichen Standpunkt zweifels-frei charakterisieren. Hier sprechen Männer wieLessing , Schiller, Wieland Tieck,Spielhagen, A. de Musset , Chenier,Geibel, Raffael ganz unumwunden aus, daßsie ihren Stoff nur höchst selten eigener Erfindungverdankten, daß dieser auch nicht den Meistermache, sondern die Art der Behandlung. Am bestenpräcisiert Geibel diesen Standpunkt:
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