gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zuborgen (!), an fremdem Feuer mich zu wärmen . . .ich muß meine ganze Belesenheit so gegenwärtighaben, ich muß bey jedem Schritte alle Bemer-kungen, die ich jemals über Sitten " und Leiden-schaften gemacht, so ruhig durchlaufen können . . ."Diese Stelle ist nicht etwa nur als ein Ausdruck derBescheidenheit Lessings anzusehen, sondern ent-spricht tatsächlich den wirklichen Verhältnissen.Albrecht führt den Nachweis, daß es Lessing durch-aus an Erfindungsgabe mangelte, daß er es aber in derZusammenleimung fremder Stoffe zur Meisterschaftgebracht hatte. Große Exzerptensammlungen botenihm dazu die Handhabe, und er benutzte sie in aus-giebiger Weise. Durch die Anprangerung solcherSchwächen Lessings wird jedoch seiner übrigen Be-deutung als Bahnbrecher wenig Abbruch getan.
Diese nonchalante Auffassung in der Stoffwahlist natürlich kein typisches Kennzeichen der Klas-sikerzeit, die in der Frage des literarischen Eigen-tums freiere Anschauungen vertrat. Auch die jüngsteVergangenheit ebenso wie die unmittelbare Gegen-wart bieten uns Beispiele genug an bedenklichenSkrupellosigkeiten. Karl Julius Weber , derberühmte Verfasser des „Demokritos oder hinter-lassene Papiere eines lachenden Philosophen" ver-wob ganze Erzählungen Wekherlins und andererin seine Werke und löste Falk s~ r ') gereimte Satireauf die Frauen in Prosa auf, ohne trotz seinerimmensen Belesenheit auch nur im entferntesten zuahnen, daß Falk wiederum auf der sechsten SatireJuvenals fußte.
Im „Grillparzer-Jahrbuch" 20 ) erbringt fernerJosef Lesowsky den Nachweis, daß der s. Zt.sehr bekannte Ignaz Franz Castelli in einer„russischen Schauergeschichte", die 1858 im21. Bande von Castelli's sämtlichen Werken (Wien ,Pichlers Verlag) erschienen ist, ein Plagiat anGrillparzers „Kloster von Sendomir " be-gangen hat. Grillparzers Geschichte war bereits1828 in der „Aglaja" abgedruckt. Bei Castellikommt kein Gedanke vor, der nicht bereitsbei Grillparzer vorhanden gewesen ist. Größere
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