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Plagiat! Plagiat! : eine Rundschau / von Paul Englisch
Entstehung
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Wassermann suchte seine Arbeitsweise damitzu begründen, daß er, nach seiner Biographin JulieSpeyer-Wasserman n : ' 7 ) behauptete, alleProduktion sei im Grunde nur der Versuch einerReproduktion, sei Annäherung an Gehörtes, Ge-schautes und Gefühltes, seidurch einen jenseitigenTrakt des Bewußtseins eingegangen" und müssedann ,,in Stücken, Trümmern und Fragmenten ausdem Bewußtsein ausgegraben" werden. Dagegenwäre an sich nichts einzuwenden, wenn es sich umunbewußte und ungewollte Uebereinstimmungenhandeln würde. Wassermann aber baut hier (wiebei der vorerwähnten Novelle) seinen Roman aufQuellen studium auf und hat deshalb die ver-dammte Pflicht und Schuldigkeit, auf irgend eineWeise kenntlich zu machen, daß er mit fremdemPfluge pflügt.

Das gilt natürlich in gleicher Weise für denwissenschaftlichen Popularisator Emil Ludwig (C o h n), dessen kaninchenartige Fruchtbarkeit di-rekt beängstigend wirkt. Wilhelm IL, Goethe,Christus, Michelangelo , Lincoln etc. mußten es sichgefallen lassen, durch ihn dem Verständnis derbreiten Massenahegebracht" zu werden. Bei derunablässigen Aufeinanderfolge dickleibiger Wälzerkann natürlich von einem exakten Quellenstudiumkeine Rede sein. Für seinenMichelangelo " weistihm A. E. Brinckman n 1 ' 8 ) nicht nur eine Unzahlvon Entstellungen, Irrtümern banale, der EigenartMichelangelos nicht gerecht werdende Urteile nach,sondern zeigt an Hand von Beispielen, daß Lud-wig die Uebersetzung der Briefe seines Künstlersdurch Karl Frey (1907 bei Julius Bard in Berlin erschienen) zwar eingehend benützt, aberver-gessen" hat, die Quelle anzugeben. Nach Brinck-mann besteht mehr als ein Fünftel des Gesamt-textes aus diesen von Frey übersetzten Briefen.Wenn man hinzunimmt, was an Anekdoten ausVasari , Condivi eingefügt wird, macht der fremdeText fast ein Viertel aus. Ludwig färbt denschweren, oft dunklen Michelangelostil, den Frey zutreffen suchte, um in einen gewandten Ludwig-Stil,ohne etwa auf die italienischen Originale zurück-

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