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Das Geld / Von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
126
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126 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edeimetallverhältnisse.

Während in dem Jahrhundert von 1620 bis 1720 die Wirkung- derProduktionsverhältnisse auf das Wertverhältnis beträchtlich überbotenwurde durch Verschiebungen in der monetären Nachfrage nach Goldund Silber, übte, in den folgenden Jahrzehnten die reiche GoldausbeuteBrasiliens einen sichtbaren Einfluß aus. Die Wertrelation begann eineVeränderung zu Ungunsten des Goldes zu zeigen. Während sie in demJahrzehnt 1701 bis 1710 durchschnittlich 1:15,27 gewesen war, stelltesie sich 1751 bis 1760 auf 1 : 14,56. Außer der ungewöhnlichen Stei-gerung der Goldgewinnung mag zu dieser Veränderung der Umstandbeigetragen haben, daß der sich immer mehr entwickelnde Verkehrmit Indien fortgesetzt große Mengen von Silber absorbierte.

Abgesehen von der Einwirkung auf das Wertverhältnis, die sichbald als vorübergehend herausstellte, hatte die große Steigerung derGoldproduktion die dauernde Folge, daß in dem Lande, das immer mehrdie Führung in der Avirtschaftlichen Entwicklung übernahm, nämlichin England , der vorwiegende Gebrauch des Goldgeldes sich einbürgerte.Schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts hatte das Gold in der englischenZirkulation gegenüber dem Silber erheblich an Boden gewonnen. Be-günstigt worden war diese Entwicklung, wie oben in anderem Zu-sammenhange dargelegt wurde, durch den schlechten Zustand des Silber-geldes und nach der Silbermünzreform von 1695 durch das Verhaltender öffentlichen Kassen, welche die Goldmünze, die Guinea, zu einemhöheren Werte in Zahlung nahmen, als der Marktrelation zwischenSilber und Gold entsprochen hätte. Bis zum Jahre 1717 war aller-dings der Privatverkehr nicht an den Kurs der öffentlichen Kassengebunden; wenn trotzdem die Guinea auch im Privat verkehr zu einemim Verhältnis zur Marktrelation der beiden Metalle zu günstigen Kursein Zahlung genommen wurde, so war das nur möglich auf Grund derTatsache, daß die vorgeschrittene englische Volkswirtschaft für dasGoldgeld ein sich immer mehr erweiterndes Verwendungsfeld bot. Inden Jahren 1717 und 1718 wurde dann formell ein Doppelwährungs-system eingeführt; die Guinea erhielt einen festen, auch für den Privat-verkehr verbindlichen Kurs von 21 Schilling, und dieser Kurs ent-sprach einem Wertverhältnisse von 1: 15,2. Tatsächlich hatte England damals schon einen fast ausschließlichen Goldumlauf, und da die neuegesetzliche Relation für das Gold gegenüber der Marktrelation immernoch zu günstig war, ist auch in der Folgezeit der englischen Zirku-lation fast -ausschließlich Gold zugeflossen. Von 1701 bis 1816 wurdenfür mehr als 90 Millionen Pfd. Sterl. Goldmünzen geprägt, Silber-münzen dagegen nur für 908200 Pfd. Sterl. 1 )

1) Kalkmann, Englands Übergang zur Goldwährung. Straßburg 1895. S. 64; 65.Lexis, Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl., Bd. V. S. 39.