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Das Geld / Von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
132
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1 32 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse.

der herrschenden Münzzersplitterung daran gewöhnt war, mit Kurs-veränderungen zahlreicher umlaufender Münzsorten zu rechnen.

Freilich hat der schwankende Kurs der Goldmünzen in der Folge-zeit dazu beigetragen, daß der goldene Teil der deutschen Parallel-währung immer mehr verkrüppelte. Da Münzen, von denen niemandweiß, wieviel sie am nächsten Tage gelten, nicht gern in Zahlunggenommen werden, konnte das Goldgeld sich in Deutschland nicht ein-bürgern. Die zur Ausprägung gelangten deutschen Goldmünzen wurdendaher, wie später die Ergebnisse der Einziehung bei der deutschen Münzreform zeigten, in sehr viel stärkerem Umfange eingeschmolzenund exportiert als die Silbermünzen. Auch der Rückgang der Gold-produktion hat wesentlich dazu beigetragen, daß der deutsche Gold-umlauf in seiner Entwicklung zurückblieb. Das Gold WährungslandEngland zog einen erheblichen Teil des neuen Goldes an sich, undDeutschland sah sich, ebenso wie die meisten andern Kontinentalstaaten,zur Ergänzung seines Geldumlaufs immer mehr auf das Silber angewiesen.

So glitt das deutsche Geldwesen unmerklich von der Parallel-währuug zur reinen Silber Währung hinüber.

In Preußen wurde im Jahre 1830 dem Silbergeide die Fähigkeitbeigelegt, bei Zahlungen an die öffentlichen Kassen, die in Gold fest-gelegt waren, den Friedrichsdor zu dem festen Satze von b 2 \z Talerzu vertreten. Im folgenden Jahre erhielt der Friedrichsdor zum gleichenSatze Kassenkurs für das Silbergeld. Gleichzeitig ging der preußischeStaatshaushalt völlig zur Silberrechnung über. Alle Forderungen undLeistungen, die bis dahin auf Gold gestellt waren, wurden zum Satzevon 5 2 /3 Taler pro Friedrichsdor in Silbergeld umgerechnet.

Der süddeutsche Münz verein von 1837, der südlich vom Main endlichgeordnete Geldverhältnisse schuf, tat der Goldmünzen überhaupt mitkeinem Worte Erwähnung; ebenso verhielt sich der Dresdener Münz-vertrag von 1838, der sämtliche Zollvereinsstaaten umfaßte. Deutlicherals durch dieses stillschweigende Ignorieren konnten die Goldmünzen nichtals außerhalb der eigentlichen Geldverfassung stehend bezeichnet werden.

Ihren formellen Abschluß fand die Entwicklung zur Silberwährungin dem Wiener Münzvertrage von 1857. In den Verhandlungen, diediesem Vertrage vorausgingen, wurde für Deutschland zum ersten Maledie Währungsfrage aufgerollt. Als im November 1854 in Wien dieim preußisch-österreichischen Handels vertrage von 1853 verabredeteMünzkonferenz zusammentrat, hatten die Verhältnisse der Edelmetall-produktion durch die Entdeckung der kalifornischen und australischenGoldfelder bereits eine völlige Umwälzung erfahren. Österreich stellteden Antrag, das neu zu schaffende deutsche Geldwesen auf der Basisder Goldwährung zu begründen, um dadurch den Anschluß Deutsch-lands an den Weltverkehr, in dem das Gold vorherrsche, zu ermög-