154 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältniase.
drastischer dargestellt werden als durch ein Dokument, das LudwigBambeeger gelegentlich einer Rede über die Notwendigkeit derdeutschen Münzeinigung am 5. Mai 1870 dem Zollparlamente vorlegte.Er sagte:
„Ich habe hier ein sogenanntes Borderau, d. h. die spezifizierteAufstellung von Geldsorten, womit ein Handeltreibender eine seinemBankier überschickte Sendung begleitet. Das Bordereau, welches ichIhnen hier vorzeige, Iahtet über 15 834 Gulden und datiert vom19. Dezember 18ö9; ich habe es mir aus den Briefen eines Bankhausesherausgenommen. Es enthält also die Münzen, aus denen diese15 834 Gulden zusammengesetzt waren, und damit Sie verstehen,welche Bedeutung das hat, muß ich sagen: die Sendung kam aus einemkleinen Landstädtchen der Provinz Eheinhessen. Es ist dies einekleine Stadt von 3—4000 Seelen mit einem einzigen Gasthaus, welchesnicht etwa die Fremden der Merkwürdigkeit wegen besuchen; es isteine Zahlung, hervorgegangen aus Pacht- und Kaufzielen der Bauern,aus verkauftem Weizen. Gerste, Hülsenfrüchten und dergleichen Ab-tragungen, die aus den einzelnen umliegenden Dörfern in diese kleineLandstadt gebracht und durch Vermittlung eines Handeltreibendeneinkassiert werden. Was aus den Taschen der Bauern zusammenge-flossen ist. ist folgendes: die Summe von 15834 Gulden bestand ausDoppeltalern, Kronentalern, 2 V2 - Guldenstücken, 2 - Guldenstücken,
1- Guldenstücken, V2-Guldenstücken. '/3-, '/o-, Vü-Reichstalern, 5-Franken-,
2- Franken-, 1-Frankenstücken; dann kommt das Gold: Pistolen,doppelte und einfache Friedrichsdor, Vi-Sovereigns, russische Im-perialen, Dollars, Napoleons , holländische Wilhelmsdor, österreichischeund württembergische Dukaten, hessische 10-Guldenstücke und schließ-lich noch ein Stück dänisches Gold."
Auf diesem Gebiete der Einheitlichkeit des Münzsystems und derOrdnung der Zirkulationsmittel tat Abhilfe am frühesten und amdringendsten not, und hier setzten von Anfang an dieReformbestrebuugenein. Aber so groß auch die Einigkeit in der Anerkennung diesesMißstandes war. so gering war die Einigkeit im Zusammenwirken zueiner durchgreifenden Reform. Die einzelnen deutschen Staaten undFürsten wachten ängstlich über ihre Souveränität, und gerade das„Münzregal " wurde stets als eines der wichtigsten Souveränitätsrechteangesehen, von dem nichts preisgegeben werden dürfe. Dadurch warvor der Reichsgründung eine einheitliche Ordnung des deutschen Geld-wesens unmöglich gemacht. Alles, was sich erreichen ließ, waren Münz-verträge zwischen den Staaten des Zollvereins , die gewisse einheitlicheGrundsätze für die Münzprägung enthielten und den Taler und Doppel-taler zur Vereinsmünze mit gesetzlicher Zahlungskraft im ganzenVereinsgebiete machten. Im Jahre 1837 hatten sich die süddeutschen