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Das Geld / Von Karl Helfferich
Entstehung
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212
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212 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse.

Als zu Beginn der 70 er Jahre eine neue Umkehr des Wertver-hältnisses stattfand, war die erste der beiden Vorbedingungen ebenfallsgegeben. Frankreich und die übrigen Länder der Lateinischen Münz-union hatten einen großen Vorrat von dem in seinem relativen Wertesteigenden Metalle. Unter diesen Verhältnissen war die französischeDoppelwährung an sich abermals imstande, dem Weltmarkte großeBeträge des im Werte steigenden Metalls zur Verfügung zu stellen,das im Werte sinkende Metall aufzunehmen und dadurch ausgleichendauf die Veränderung des Wertverhältnisses zu wirken. Wie langedie französische Doppelwährung gegenüber der gewaltigen Steigerungder Silberproduktion und den anderen auf eine Entwertung des Silbershinwirkenden Faktoren imstande gewesen wäre, die Silberentwertunghintan zu halten, ist eine Frage für sich.

Aber die zweite Vorbedingung, welche bei dem Umschwünge der50 er Jahre für die Wirksamkeit der französischen Doppelwährunggegeben war, fehlte diesmal. Die Wirksamkeit der Doppelwährunghätte diesmal den Münzbundstaaten nicht einen tauglicheren an Stelleeines weniger tauglichen Geldstoffes, das Gold an Stelle des Silbersgebracht, sondern umgekehrt das Silber an Stelle des Goldes. In denfünfziger Jahren kostete es Frankreich kein Opfer, sein Doppelwährungs-system ausgleichend auf die Veränderung des Wertverhältnisses wirkenzu lassen; die automatische Wirkung des Doppelwährungssystemsbrachte ihm sogar eine Verbesserung seines eigenen Geldumlaufs. ZuBeginn der 70 er Jahre dagegen hätten die Staaten der LateinischenMünzunion, um ihre Doppelwährung dieselbe Wirkung ausüben zulassen, ihren Goldumlauf aufgeben müssen, und um diesen Preiswaren sie nicht gewillt, sich um die Stabilität des Wertverhältnissesder Edelmetalle verdient zu machen. Münzgesetz und Verkehrsbedürfniskamen hier in Konflikt, und da der Verkehr nicht für die Münzgesetze,sondern die Münzgesetze für den Verkehr da sind, mußte in diesemKonflikte das Verkehrsbedürfnis siegen: die Doppelwährung wurde durchdie Einstellung der freien Silberprägung beseitigt.

Die Stellung der deutschen Münzreform unter den währungspoli-tischen Maßregeln jener Zeit und ihr Anteil an der Silberentwertungist dadurch gleichfalls bereits in gewissem Grade aufgeklärt. Die vonbimetallistischer Seite aufgestellte Behauptung, daß der deutscheWährungswechsel die Ursache der Preisgabe der französischen Doppel-währung gewesen sei, steht im Widerspruch mit der von derselbenSeite vertretenen Ansicht, daß das Bestehen der französischen Doppel-währung eine Entwertung des Silbers nicht zugelassen haben würde;denn unmöglich werden konnte die Aufrechterhaltung der Doppel-währung nur durch eine starke Abweichung des tatsächlichen vondem gesetzlichen Wertverhältnisse, im vorliegenden Falle durch eine