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,428 Zweites Buch. HI. Abschnitt. Die Gsldverfassung.
Man hat die Perspektive vorgezeichnet, daß beim Ausbruchepolitischer Krisen das Vertrauen der Bevölkerung in das unterwertigeSilbergeld erschüttert werden könnte, daß dann das Silbergeld zurEinlösung an die öffentlichen Kassen zurückströmen würde, die balddiesen Anforderungen nicht mehr würden genügen können; dann aberwerde ein Agio auf Goldgeld entstehen und damit die Goldwährungzusammenbrechen.
Auch diese Befürchtungen waren, soweit unsere deutschen Ver-hältnisse in Betracht kamen, schon zu der Zeit, zu der sie mit Nach-druck kundgegeben wurden, übertrieben. Damals war infolge dervorzeitigen Einstellung der Silberverkäufe im Jahre 1879 neben denEeichssilbermünzen allerdings noch ein recht erheblicher Bestand anTalern vorhanden, sodaß der gesamte Bestand an Silbergeld zweifel-los den Verkehrsbedarf überschritt. Immerhin war das Übermaß anSilbergeld nach 1879 in keinem Äugenblicke so erheblich, daß darauseine ernste Gefahr in kritischen Zeiten hätte erwachsen können.Der Verkehr kann die Silbermünzen auch in kritischen Zeiten nichtentbehren, denn er kann unmöglich ohne Münzen unter dem goldenenZehnmarkstücke auskommen; niemand würde mehr, wenn er beim Aus-bruche eines Krieges nichts besseres zu tun wüßte, als mit seinem Silber-geide zu den öffentlichen Kassen zu laufen, ein Pfund Fleisch oderBrot kaufen können. Gerade in kritischen Zeiten, wo erfahrungsgemäßjedermann eine größere Kasse für. alle Eventualitäten zu halten sucht,wird der Bedarf des Verkehrs an Silbergeld eher steigen als fallen,die öffentlichen Kassen würden mithin wohl kaum in die in Aussichtgestellten Einlösungsschwierigkeiten geraten.
Bedenklich ist im Hinblick auf kritische Zeiten weniger die Unter-wertigkeit an sich und die Größe der Unterwertigkeit, als vielmehrein Übermaß unterwertigen Geldes.
Der Staat kann, wie wir gesehen haben, nicht in Einlösungsschwierig-keiten geraten, wenn der Verkehr nicht mit einem größeren Quantumunterwertigen Geldes angefüllt ist, als er für die Bewältigung der Umsätzebenötigt. Nun gibt es allerdings für das vom Verkehr benötigteQuantum kein feststehendes Maß, der Verkehrsbedarf selbst ist viel-mehr ein zeitlich schwankender. Es gibt jedoch ein einfaches Mittel,den Verkehr nicht mit unterwertigem Gelde zu überfüllen: man brauchtihm nur die Möglichkeit zu geben, ein Übermaß unterwertigenGeldes jederzeit an die mit der Begelung des Geldumlaufs betrautenKassen abzustoßen; diese Möglichkeit ist gegeben, wenn die staatlichenKassen das unterwertige Geld ohne Beschränkung in Zahlung nehmen,dagegen bei den von ihnen selbst zu leistenden Zahlungen solchesGeld nicht aufzwingen. Überall dort, wo unterwerfige Münzen nurals Scheidegeld vorhanden sind, wie in England und seit 1907 auch