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Das Geld / Von Karl Helfferich
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Zweites Buch. III. Abschnitt. Die Geldverfassung.

Auch heute, nachdem Deatschland unterwertige Silbermünzen nurnoch als Scheidegeld kennt, verlangt der eben dargelegte Gesichtspunkteine Berücksichtigung. Die Erhöhung der Kopfquote für die Aus-prägung von Reichssilbermünzen auf 20 Mark geht zweifellos über denVerkehrsbedarf hinaus, und die Reichsfinanzverwaltung tut gut daran,daß sie innerhalb der ihr gesetzten Schranken bei ihren SilberprägungenVorsicht walten läßt.

Da sie dies bisher getan hat, bedeutet der absolut genommenallerdings recht große Bestand an unterwertigen Scheidemünzen inHöhe von ca. 1 Milliarde Mark, von dem etwa 250 Millionen Mark inder Reichsbank liegen, keine Gefahr für das deutsche Geldwesen.

Die Reichsbank benötigt einen Bestand an Silbergeld in der er-wähnten Höhe als Betriebsfonds für die örtliche Regulierung des Münz-umlaufs ; eine Gefährdung ihrer Zahlungsfähigkeit stellt ein solcherBestand in keiner Weise dar.

Im Falle eines Krieges z. B. würde die Bank von diesem Beständeeinen erheblichen Teil dem Reiche zur Auslohnung der Truppen usw.zur Verfügung zu stellen haben. Der Notenumlauf der Reichs-bank betrug in den letzten Jahren durchschnittlich etwa 1600 Milli-onen Mark und hat im Laufe des letzten Jahres (1909) in einem Falle denBetrag von 1800 Millionen Mark überschritten; er würde im Kriegsfallebeträchtlich anschwellen. Die Noten müssen nach den Bestimmungendes Bankgesetzes zu einem Drittel durch Metall und Reichskassen-scheine gedeckt sein. Bei einem Notenumläufe von 1800 MillionenMark würde die Dritteldeckung 600 Millionen Mark betragen; unterdiesen Stand könnte der Barvorrat der Reichsbank nicht herunter-gehen, ohne daß die Suspendierung der Barzahlungen erfolgen müßte.* Da mit einem Silberbestande von mehr als 250 Millionen Mark kaumzu rechnen sein würde, müßte mithin die Einstellung der Bar-zahlungen längst erfolgen, ehe die Reichsbank in die Lage käme, nichtmehr in Goldgeld zahlen zu können und ihren Barbestand auf Scheide-münzen reduziert zu sehen.

Eine Gefährdung der deutschen Währung kann daher nicht durchdas vorhandene unterwertige Silbergeld, sondern nur durch ein imKriegsfalle allerdings sehr mögliches Mißverhältnis zwischen derNotenausgabe und dem gesamten Barbestande der Zentralbank herauf-beschworen werden.

Wenn aber infolge einer Suspension der Barzahlungen der Reichs-bank ein Agio auf Goldgeld eintreten sollte, so wage ich für diesenFall die zunächst vielleicht paradox klingende Behauptung, daß esfür den gesamten Geldverkehr ein Glück ist, wenn die Silbermünzenunterfertig sind und sich infolgedessen im Gleich werte mit dem Papier-gelde gegenüber der ursprünglichen Goldparität der Valuta entwerten