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Das Geld / Von Karl Helfferich
Entstehung
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10. Kapitel. Der Geldbedarf. § 1.

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kritisiert. Er will sie überhaupt nicht gelten lassen. Zunächst seies ein Fehler, den Bedarf an Geld mit dem Umsätze von Waren ineine direkte Verbindung zu bringen, denn zum Kaufen, das ein bloßesEingehen einer Zahlungsverbindlichkeit sei, brauche man überhauptkein Geld in irgendwelcher bestimmter Menge, sondern nur zur Er-füllung von Zahlungsverbindlicheiten, die keineswegs mit dem Kaufenzusammenzufallen brauche. Nur als Zahlmittel, nicht auch schon alsUmsatzmittel sei mithin das Geld Gegenstand eines bestimmten Be-darfs, und der Bedarf an Geld könne deshalb immer nur durch dieSumme der fällig gewordenen Zahlungsverbindlichkeiten, niemals aberschon durch die Stimme der zu bewerkstelligenden Umsätze bestimmtwerden.

Der zweite Fehler der herrschenden Theorie liege in dem BegriffederUmlaufsgeschwindigkeit'' des Geldes. Die Analogie mit der Fahr-geschwindigkeit eines Schiffes sei falsch, da es sich bei dem Besitz-wechsel des Geldes nicht um einen mechanischen Vorgang handle, derwie bei dem Schiffe wesentlich von der technischen Beschaffenheit dessich bewegenden Gegenstandes abhänge; die sogenannte Umlaufs-geschwindigkeit des Geldes hänge vielmehr einzig und allein vonUmständen ab, die ganz außerhalb des Geldes lägen, oder denen gegen-über das Geld eine vollkommen passive Rolle spiele. Infolgedessen be-sage die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes garnichts über die eigent-lichen Bestimmungsgründe des Geldbedarfs, und der Satz, daß die'Effektuierung einer gegebenen Summe von Zahlungen eines gegebenenZeitraumes um so weniger Geld in Anspruch nehme, je mehr vondiesen Zahlungen mit Hilfe eines und desselben Geldstückes vollbrachtwerden können, bedeute nicht mehr, als daß zwei mal zwei vier sei.Die ganze Theorie von der Bestimmung des Geldbedarfs durch dieUmlaufsgeschwindigkeit des Geldes sei mithin ein durchaus leerer undnichtssagender Formalismus. Außerdem sei es rein unmöglich, diemittlere Zirkulationsgeschwindigkeit" des Geldes in einem Lande auchnur annähernd zu schätzen, geschweige denn zu messen. Die ganzeTheorie bleibe etwas vollkommen Unfruchtbares.

Hildebeand wollte in seiner Kritik der Theorie nicht ebensounfruchtbar bleiben, wie die Theorie selbst; es suchte deshalb aufeinem neuen Wege zur Bestimmung des Geldbedarfs zu kommen. Dereinzuschlagende Weg besteht nach seiner Auffassung darin, daß mannicht die einzelnen Geldstücke, sondern den Zahlungsprozeß selbstins Auge faßt, und daß man ferner bei der Fragestellung nicht gleichauf einen ganzen Zeitraum, sondern zunächst nur auf einen be-stimmten Zeitpunkt Bezug nimmt; auf diese Weise bestimme sichder Geldbedarfganz einfach nach dem Gesamtbetrage der in dembetreffenden Lande in einem gegebenen Augenblicke, d. h. gleich-