10. Kapitel. Der Geldbedarf. § 2.
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daliegen, wie etwa die alten „Horte" oder die Taler im Strumpfe desBauern, auf der einen Seite, und andrerseits den Kassen Vorräten derEinzelwirtschaften, die zu dem unmittelbaren und ausschließlichenZwecke der Zahlungsleistung und Zahlungsbereitschaft gehalten werden,oder auf denen sich, wie auf den Barbeständen der großen Banken,gewisse Einrichtungen aufbauen, deren Zweck und letzte Wirkungeine intensivere Ausnutzung des Geldes zur Vermittelung von Über-tragungen jeder Art ist, — Zwecke, die bei der Thesaurierung imstrengsten Sinne, bei welcher das Geld nicht als Zahlungsmittel, son-dern einfach nur als Träger von Vermögenswert aufbewahrt wird,nicht mitspielen. Der Unterschied in bezug auf den Umfang desGeldbedarfs tritt darin in Erscheinung, daß ein irgendwie zu be-stimmender Bedarf an Geld zur reinen Vermögensansammlung ohnejede Beziehung zur Funktion des Geldes als Übertragungsmittel nichtexistiert, so wenig wie etwa der Reichtum an sich eine bestimmbareBedarfsgröße in der Volkswirtschaft ist; in dieser Beziehung gilt heutenoch das, was oben über die merkantilistische Auffassung gesagt wor-den ist. Anders steht es dagegen mit denjenigen Geldbeständen,welche entweder direkt zu Zahlungszwecken oder indirekt als Grund-lage für Einrichtungen, welche der Zahlungsausgleichung dienen, ge-halten werden; soweit solche Geldbestände in Betracht kommen, istdas Geld allerdings, wie Mengek richtig hervorhebt, Gegenstand einesbestimmten Bedarfs. Aber der Bedarf der Volkswirtschaft an solchenKassenvorräten und Barreserven ist, wie wir gleich sehen werden,von dem Bedarfe der Volkswirtschaft an Geld für Zahlungen (imweitesten Sinne) überhaupt nicht zu scheiden. Wir kommen damitauf einen Punkt, an welchem sowohl die von Hildebrand aufgeworfeneFrage, ob nicht an Stelle eines Zeitraumes ein Zeitpunkt der Bestim-mung des Geldbedarfs zugrunde zu legen sei. als auch der Zusammen-hang der Kassenvorräte und Barreserven mit der „Zirkulationsge-schwindigkeit" des Geldes einer Erörterung unterzogen werdenmüssen.
Wenn wir, wie es Hildebband will, in einem gegebenen Zeitpunkteden Gesamtbestand des in einer Volkswirtschaft, zur Vermittelung vonÜbertragungen bestimmten Geldes ins Auge fassen, so befindet sichnur ein Teil, meist sogar nur ein verschwindender Teil in Bewegungund mithin in der wirklichen Erfüllung seiner ordentlichen Bestim-mung; der andere Teil dagegen'befindet sich im Ruhezustande in denGeldbeuteln der einzelnen Individuen und den Kassen der Einzel-wirtschaften. Erstreckt sich nun in der Tat der Geldbedarf derVolkswirtschaft, wie Hildebband behauptet, nur auf das jeweilig inBewegung befindliche Geld, und entspricht in der Tat der Maximal-bedarf einer Volkswirtschaft an Geld innerhalb eines größeren Zeit-
Helffbrich, Das Geld. 31