10. Kapitel. Der Geldbedarf. § 2.
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Unternehmungen. So sehr nun auch das Bedürfnis der Kassahaltungim Verhältnis zu den zu leistenden Zahlungen bei den Einzelwirt-schaften innerhalb derselben Volkswirtschaft ein verschiedenes ist, solassen sich doch über das Verhalten der Volkswirtschaften in diesemPunkte gewisse allgemeine Wahrnehmungen machen. Der Geldbedarfist im Verhältnis zum Gesamtbetrage der während eines längerenZeitraumes durch das Geld zu vermittelnden Übertragungen um sogeringer, je gleichmäßiger sich der Zahlungsprozeß über den ganzenZeitraum verteilt, und je mehr die Einzelwirtschaften, bei denenZahlungseingang und Zahlungsleistung sich in raschem Wechsel folgen,überwiegen. Gebiete mit dichter Bevölkerung, entwickelter Industrieund lebhaftem Verkehr beanspruchen deshalb im Verhältnis zur Größeder gesamten Umsätze einen geringeren Geldbestand, als Gebiete mit.spärlicher Bevölkerung, die nur zu bestimmten Zeiten miteinander inVerkehr tritt, und bei der das Vorwiegen der Landwirtschaft dieGeldeingähge auf bestimmte Jahreszeiten konzentriert.
Ferner können die Kassenvorräte, welche die einzelnen Privat-wirtschaften halten müssen, im Verhältnis zu der Gesamtheit derdurch Geld zu bewirkenden Umsätze um so kleiner sein, je ent-wickelter der Kreditverkehr ist, der das bare Geld von den Stellen,an denen es augenblicklich nicht benötigt wird, den Stellen zuführt,an denen zur Zeit ein Geldbedarf besteht; denn je mehr das Aus-leihen vorübergehend nicht benötigter Beträge sich einbürgert, destogrößer ist die Sicherheit für die Einzel wirtschaften, daß sie gegebenen-falls das erforderliche Bargeld im Wege des Kredits beschaiFen können,desto geringer ist mithin die Notwendigkeit der Haltung großerKassenreserven. Wir stoßen hier auf die wichtige Tatsache, daß derKredit den Geldbedarf nicht nur in der von der sogenannten „herr-schenden Theorie" allein hervorgehobenen Weise verringert, indemer nämlich Umsätze vermittelt, die sonst durch bares Geld zu ver-mitteln wären, sondern auch dadurch, daß er den Übergang des Bar-geldes von Hand zu Hand fördert und damit den Betrag der durchdas einzelne Geldstück innerhalb einer gegebenen Zeit vermitteltenÜbertragungen steigert; mit andern Worten: dadurch daß er dieZirkulationsgeschwindigkeit des Geldes erhöht und so zu einer inten-siveren Ausnutzung der vorhandenen Geldvorräte führt.
Während auf diesem Wege der Kredit den Bedarf an Kassen-vorräten im Verhältnis zur Gesamtheit der Übertragungen zu ver-ringern geeignet ist, beobachten wir weiterbin, daß sich auf gewissenArten von Barvorräten vermöge des Kredits Zahlungseinrichtungenaufbauen, die ebenso oder gar in noch höherem Grade, als die Stei-gerung der Zirkulationsgeschwindigkeit des Geldes, eine intensivereAusnutzung der vorhandenen Geldbestände zu den Zwecken der