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Das Geld / Von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
494
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494- Zweites Buch. IV. Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung und Geldwert.

Wir beobachten zunächst die großen Wandlungen des Geldbedarfs,die in der ich möchte sagen säkularen Entwicklung der Volks-wirtschaft begründet sind, in dem Vordringen der Geldwirtschaft, inder Zunahme der Bevölkerung, in der Steigerung der Gütererzeugungund des Verkehrs, in der Vermehrung des allgemeinen Wohlstandes,in der Ausbildung des Leihverkehrs in Geld, in der Entwicklung ver-besserter Zahlungsmethoden und Zahluugseinrichtungen, in der Ein-bürgerung des Gebrauchs von Geldsurrogaten. Diese in der Gesamt-entwicklung der Volkswirtschaft gelegenen Faktoren, die sich untereinander teils verstärken, teils entgegenwirken, bestimmen in großenLinien die Veränderungen des durchschnittlichen Geldbedarfs längererZeiträume.

Innerhalb dieser großen Bewegungen beobachten wir periodischeSchwankungen von kürzerer Dauer, die mit dem Wellenschlage desWirtschaftslebens, mit dem Auf und Ab der Konjunkturen zusammen-hängen. Auch wenn die ganze Signatur einer längeren Periode einegleichartige ist, so fehlt doch nicht der Wechsel von Zeiten des Auf-schwungs und Zeiten der Depression und des Rückgangs. Die ge-waltige Entwicklung der einzelnen Wirtschaftsgebiete, die im ver-flossenen Jahrhundert durch die Umgestaltung der Produktions- undTransporttechnik ausgelöst worden ist, die unübersehbare Steigerungder Gütererzeugung und des Verkehrs, die Vermehrung der Kapitalienund des Wohlstandes hat sich keineswegs in ruhigem Flusse, sondernruckweise vollzogen. Wir beobachten in einzelnen Perioden einstürmisches Vorwärtsdrängen; die Gütererzeugung scheint der Nach,frage nicht genügen zu können, die Preise der Waren, sowohl derfertigen Erzeugnisse als auch der wichtigsten Roh- und Hilfsstoffe,zeigen eine allgemeine Steigerung; dadurch werden die Unternehmerzu Betriebsausdehnungen und Neugründungen veranlaßt. Ebenso wiedie Nachfrage nach Materialien, steigt die Nachfrage nach Arbeits-kräften, und infolgedessen erhöhen sich die Arbeitslöhne; dazu kommtdie Steigerung der Umsätze auf dem Anlagemarkte; die günstigen Er-trägnisse der Unternehmungen veranlassen das Publikum zur Kapital-anlage und zur Spekulation in Dividendenpapieren, deren Kurse in-folge der vermehrten Nachfrage gleichfalls eine steigende Richtungeinschlagen. In solchen Zeiten vermehren sich die Umsätze vonWaren und Wertpapieren nicht nur ihrer Menge nach, sondern infolgeder Preis- und Kurssteigerung benötigt auch der Umsatz gleicherWarenmengen und gleicher Beträge von Industriepapieren usw. einenhöheren Geldbetrag; die ganze Bewegung wirkt mithin in verdoppelterStärke auf eine Steigerung des Geldbedarfs. Da im kaufmännischenVerkehr der Wechsel dasjenige Instrument ist, durch welches sichdie einzelnen Unternehmungen Geld im Wege des kurzfristigen Kredits